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Velibor Čolić
geb. 1964 in Bosnien, desertierte 1992 aus der Kroatisch-Bosnischen Armee und floh ins politische Exil nach Frankreich, lebt heute als Journalist in der Bretagne.
Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung
Bei Alberto. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer, ERATA 2009
Čolićs Wurzeln in seiner Heimat Bosnien sind genauso spürbar wie ein französisches
Weltbürgertum. In Albertos Kneipe treffen sich Verlierer und großherzige
Clochards, auf dem Bahnhof Poe in der fiktiven Stadt Narseille,
irgendwo zwischen Sarajevo, Dubrovnik und Marseille.
Krieg und Tod werden gleich zu Beginn als etwas angekündigt, das sich später ereignen wird, als Katastrophe, die auf brutale und tragische Weise auch das Schicksal der „Kinder vom Bahnhof Poe“ kennzeichnet. Sie hängen zwischen den Wänden der Kneipe herum, in der man Jazz und Rock hört, Majakowski, Baudelaire und Bukowski zitiert, im Viertel der Ausländer, Einsamen und Verrückten, eine groteske Gesellschaft von Trinkern, Junkies, Kranken, Betrügern und Huren verschiedenster Hautfarbe und Nation. Manchmal klingen sie wie Tom Waits, gelegentlich strippen sie zu „White Rabbit“, ihre Schicksale sind oft bizarr bis an die Grenze des Unwahrscheinlichen, doch ihre „Dämmerzone“ ist eine letzte Zuflucht vor dem, was der Krieg dieser Stadt gebracht hat.
Velibor Čolić fragt sich durch die Oberfläche bis zu den grundlegenden Werten von Gut und Böse hindurch, seine obskure Narseiller Bahnhofskneipe ist Erkennungsmelodie genug, um die – wie es an einer Stelle heißt – „Apostel des für immer verlorenen westlichen Paradieses“ anzurufen.
Das Erscheinen dieses Buches wurde unterstützt durch TRADUKI – Übersetzungen aus, nach und in Südosteuropa.
Stimmen zum Buch
"Allein das Erscheinen der deutschen Fassung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroatischsprachige Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche durch das neu entstandene literarische Netzwerk Traduki gefördert wurde." Friederike Jacob
"Ein Buch voller Ankünfte – hingeschmettert, als sei es ein Gesang von Walt Whitman, eine trunkene Hommage an die Weltliteratur." Ralf Julke
Rezensionen
Schattenspiele
von Friederike Jacob, novinki
Alberto steht auf der anderen Seite des Tresens. Er kennt die Formel, weiß, wann man von Bier auf Härteres umsteigen muss und wann es an der Zeit ist, das Härtere wieder mit Bier zu verdünnen. Mit seinem schmuddeligen Lappen poliert er die Gläser und überwacht das Treiben jenseits der Bar: Die unheilbaren Säufer und Junkies, Tagediebe und Taugenichtse, die sich hier allabendlich an den Tresen lehnen und von der großen Welt und ihren phantastischen Abenteuern erzählen. Alberto ist ihrer aller Mutter, und seine Bahnhofskneipe der Hafen dieser Getriebenen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Narseille kommen.
Kod Alberta, das Debüt des bosnischen Autors Velibor Čolić, ist 2006 im Verlag Ljevak in Zagreb erschienen. Im Frühjahr dieses Jahres legte der Literaturverlag Erata aus Leipzig die deutsche Übersetzung, Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten, vor. Allein das Erscheinen der deutschen Fassung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroatischsprachige Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche durch das neu entstandene literarische Netzwerk Traduki gefördert wurde. Traduki ist ein Zusammenschluss deutscher, österreichischer und schweizerischer Kultureinrichtungen und unterstützt Übersetzungen aus, nach und in Südosteuropa. Mit Zweigstellen in Sarajevo und Wien und Hauptsitz in Berlin kurbelt das Netzwerk den schon lange überfälligen literarischen und kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und den Ländern Südosteuropas an.
Der Autor Velibor Čolić floh 1992 aus der kroatisch-bosnischen Armee und ersuchte politisches Asyl in Frankreich. Mit dem Buch Bei Alberto kehrt er, nachdem er zehn Jahre auf Französisch veröffentlicht hat, zu seiner Muttersprache zurück und entwirft gleichzeitig einen Ort, an dem sich seine eigene Vergangenheit und die Gegenwart treffen. In der fiktiven Stadt Narseille vereint sich Čolić’ alte Heimat, die Stadt Sarajevo, mit den Orten seines Exils, den Hafenstädten Südfrankreichs. Eine geographische Festlegung ist aber letztlich nebensächlich für den Roman: „Die Ansammlung von Schatten ist überall dieselbe. Die Geographie ist ohne Bedeutung, die Geschichte ist nicht die Lehrerin des Lebens, und die Literatur ist unzulänglich und schwach“, stellt der Erzähler fest. Čolić möchte zu den Fragen des Lebens vordringen, die unabhängig von Herkunft und Werdegang für alle Menschen gleich relevant sind. Seine Charaktere, die Schatten, suchen nach einem Platz in der Welt, nach etwas Wärme und Liebe.
Das Schattenspiel beginnt mit einem furchtbaren Epilog. Die Männer, die der Leser später in den Dunstschwaden vor Albertos Tresen kennen lernen wird, fallen auf dem Schlachtfeld eines namenlosen Krieges. Ekrem Boxer, dessen Nationalität „Säufer“ ist und der trotz seiner gefährlichen Fäuste sanft wie ein Lamm sein kann, wird von einer Granate durchbohrt. Ein letztes Mal fühlt er noch den Geschmack von Frauen und Bier in der Kehle, dann bricht er tot zusammen. Čolić schildert die Szene in poetischen Bildern und macht eindrücklich die Sinnlosigkeit dieses gewaltsamen Sterbens deutlich. Bei Alberto fesselt den Leser aber nicht vorrangig durch die spannende Handlung, sondern durch das unbestimmte Wir, das die Clique vor Albertos Tresen beschreibt.
In kurzen Kapiteln schildert diese umfassende Erzählstimme, dieses kollektive Wir, die Schicksale der Schatten und lässt sie selbst mit ihren wunderbaren Übertreibungen zu Wort kommen. So welkt der Körper der Prostituierten Lilly Felinni dahin, während sie „die unübertreffliche Diva des Bettes“ bleibt. Sie gibt allen alles und auf ihre weiche Haut schreiben tapfere Männer die Zeilen ihres Lebens. Sie wird bewundert von Hugo Vagina, dem ewigen Studenten und Stotterer, dem die Welt zu grausam ist und der deswegen immer öfter bei dem „Gott Morphium“ Zuflucht sucht. Und immer, in jede Unterhaltung, in jedes kleine Gespräch, streut der trinkfeste Dichter Wolk, den die Heldentaten seines Liebeslebens ermüdet haben, eine kleine Prise seiner Weisheiten. Doch Čolić porträtiert nicht nur die Clique am Tresen. In drei Intermezzi zeigt er dem Leser außerdem die Stadt, den Bahnhof und die Albertos Bar, zeigt, wie eine Welt aussieht, in der solche Geschichten möglich sind.
Die Uneindeutigkeit des Wir der Erzählstimme und die Vielfalt der dargestellten
Figuren ermöglichen dem Leser, selbst am Tresen zu stehen, einen kühlen
Drink zu bestellen und den absurden und zweifelhaften Geschichten der Schatten
zu lauschen.
Trotz der liebevollen Ironie, mit der Velibor Čolić seine Charaktere darstellt,
ist das Buch aber keine heitere Plauderstunde. Der Krieg, der im Epilog
das Ende der Clique vorwegnimmt, hängt wie ein düsterer Schatten über der
Bar und ihrem drogenschwangeren Treiben. Die Frauen und Männer, die sich
am Tresen treffen, sind gestürzt, verlassen, hilflos und bleiben trotzdem
noch immer auf der Suche. Der Krieg hat diese Suche, diese zaghafte Hoffnung,
beendet. Zu dem Zeitpunkt, da der Leser den Schatten begegnet, sind die
meisten von ihnen schon tot.
Bei Alberto ist ein berührendes Buch. Und auch, wenn der Schauplatz das fiktive Narseille ist, sind die Stadt Sarajevo und der Bosnienkrieg eindringlich präsent und verschärfen durch ihre Anwesenheit Čolić’ Kritik an solch sinnlosen Zerstörungen. Schade ist nur, dass die Sprache der Säufer nicht zu ihrer Beschreibung passt. Čolić lässt seine Säufer von Baudelaire nach Bukowski und von Tom Waits zu White Rabbit hüpfen – das ist wohl ein Versuch, seinen starken Bildern eine vermeintlich noch größere Autorität zu verschaffen. Ein solch überintellektueller Säuferdiskurs will nicht so recht in die Welt von Albertos Kneipe passen. Da scheint sich Velibor Čolić selbst einzumischen – welcher ernstzunehmende Trinker würde schließlich mit einem Schnaps in der Hand einen solchen Sprung wagen?
Eine Bahnhofskneipe, ihre Schatten und der Krieg
Ralf
Julke, lizzy, 23.02.2009
Osteuropäische Literatur hat es schwer. Wer will schon Romane lesen, deren Hauptdarsteller unaussprechliche slawische Namen tragen? Epen, die in Orten handeln, die man auf der Landkarte nicht findet? – Nennen wir den Ort doch einfach Narseille, beschloss Velibor Colic.
Narseille ist der Schauplatz seines Buches, das die Edition Erata jetzt in Übersetzung von Alida Brenner verlegte. Die Originalausgabe erschien 2006 in Žagreb. Eigentlich hätte Paris näher gelegen. Aber da geht es dem 1964 geborenen Bosnier Colic nicht anders als vielen, vielen anderen Emigranten: Die Muttersprache lässt einen nicht los. Und die schönsten Geschichten erzählt man eben in der Muttersprache. Auch wenn man 1992 desertiert ist, weil man keinen Bock hatte in der Kroatisch-Bosnischen Armee an den diversen Metzeleien in Ex-Jugoslawien teilzunehmen. Colics Weg führte ihn ins Exil nach Frankreich, wenn auch nicht – wie zu vermuten ist – in den sonnigen Süden, sondern in die eher wilde Bretagne. Da lebt er auch heute noch. Und liest augenscheinlich eine Menge. Sein Buch ist eine trunkene Hommage an die Weltliteratur.
Der Schauplatz nicht ohne Bedacht eine uralte Hafenstadt mit vertraut klingendem Namen und vier Bahnhöfen. Einer davon – einfach so im Lauf der Zeit hinaus in die Vororte gewandert – heißt auch noch "Edgar Allen Poe". Dass man Flughäfen nach trinkfesten Politikern und Musikern benennt, ist bekannt. Dichter – und schon gar solche romantischen Saufnasen wie Poe – schaffen es nur in Büchern zum Namenspatron. Und sei's auch nur eines Bahnhofs, in dem eine von altem Talmi glänzende Kneipe ihren Platz findet: Albertos Kneipe, in der alle die kleinen Szenen spielen, die Colic schildert. Oder besser: in der all seine Schatten hausen.
Helden der Bahnhofsbar - sie heißen Wolk, Swan und Hesekiel, Ekrem Boxer und Hadzib Löwin. Die Frauen nicht zu vergessen: Linda Lovelace und Lilly Felinni. Und noch ein paar andere skurrile Gestalten, die alle ihren stimmungsvollen Auftritt bekommen in Albertos Bar. Geschildert von einem allumfassenden Wir, das einem recht vertraut vorkommt, irgendwo schon oft und gern gelesen bei Joyce und Brecht, nicht zu vergessen Kerouac. Nur dass die Schatten in dieser Bar zwar schillern und mit coolen Sprüchen um sich werfen, aber nicht wirklich mehr unterwegs sind. Der nahe Bahnhof als ist Milieu, ein Ort, an dem man anderen zuschaut, wie sie abfahren. Oder in dessen Bauch man seinem Gewerbe nachgeht – als von der Zeit gebeutelte Hure, die trotzdem noch die jungen Seemänner verrückt machen kann, als Drogendealer, Gelegenheitsmusiker oder Dichter. Bei Alberto treffen sich sich alle, spielen ihre Rollen, strahlen im Glanz ihrer Schicksale. Und nicht ohne Grund widerscheint irgendwo der Film "Casablanca": Auch Albertos Bar ist ein Ort der uneingelösten Versprechen, des fließenden Transits – auch wenn dieses große, ominöse Wir so erzählt, als stelle er hier die Personage für eine große, dauerhafte Inszenierung vor.
Eine Inszenierung, die nur in ihrem Kommen und Gehen Bestand hat. Nicht nur, dass auch Albertos Tage gezählt sind. Das Buch beginnt mit einem Epilog. Und der handelt mitten in einem Krieg, in dem das scheinbar so weltenferne Narseille belagert wird. Und einige der so schillernd vorgestellten Akteure sterben auch ganz unverhofft in diesem Krieg. Einige machen auch ihre Karriere darin. Ein Krieg wie aus einer Geschichte Dino Buzzatis – fast mystisch, nicht fassbar. So irrational wie der Krieg, der Anfang der 1990er Jahre in die uralten Kulturlandschaften und Städte Jugoslawiens einfiel und die fröhlichen Bewohner der Bahnhofskneipen dezimierte.
Und so hat Narseille eher etwas vom halborientalischen Charme der bosnischen und kroatischen Städte. Auch von fleißig die großen Trinker der Weltliteratur zitiert und benannt werden, die Lobpreiser des schönen Verkommens. Ein Buch voller Ankünfte – hingeschmettert, als sei es ein Gesang von Walt Whitman. Nur dass der Captain am Ende nicht in See sticht. Die große Abfahrt findet nicht statt.