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Marc Degens

Marc Degens, geboren am 18. August 1971 in Essen, lebt als Schriftsteller in Eriwan, Armenien. Er schreibt Romane, Erzählungen, Aufsätze, Kolumnen und Gedichte. Seine Texte erscheinen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien.
Nach dem Abitur begann er ein Studium der Germanistik und Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum, das er 1999 als Magister Artium (M.A.) abschloß. Bereits vor und während seines Studiums veröffentlichte er literarische, journalistische und wissenschaftliche Arbeiten. Sein erster Gedichtband „Farben und Formen“ erschien 1992, sein erster Roman „Vanity Love“ 1997.
Texte von ihm wurden ins Dänische, Englische, Indonesische, Polnische und Serbische übersetzt. Die F.A.Z. veröffentlichte 2000 im Feuilleton in 18 Folgen seine Erzählung „Rückbau“, ebendort erschien von 2001 bis 2002 seine Romankolumne „Unsere Popmoderne“. Neue Folgen von „Unsere Popmoderne“ erscheinen seit 2005 in der Literaturzeitschrift „Volltext“.

Marc Degens ist Literaturredakteur und Herausgeber des Online-Feuilletons satt.org und veröffentlicht regelmäßig Aufsätze und Kritiken zur deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, über amerikanische und europäische Comics und zur Popkultur. Er ist Herausgeber der Reihe „Schöner Lesen“, in der bislang über siebzig Lesehefte von in der Mehrzahl jungen deutschsprachigen Autoren erschienen sind.
2002 erhielt Marc Degens ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, 2005 ein dreimonatiges Arbeitsstipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in der Villa Decius in Krakau.


Veröffentlichungen (Auswahl)

Unsere Popmoderne, oder das Beste aus schlechten Büchern, SuKuLTuR 2005; Rückbau, SuKuLTuR 2006; Eigen 1, SuKuLTur 2007.

Hier keine Kunst. Roman, ERATA 2008:

Ein zweiunddreißig Jahre alter Taugenichts, der von seiner Großmutter „Jürgen“ genannt wird, verläßt sein Elternhaus und zieht nach Berlin, um einen Roman zu schreiben. Doch der Plan scheitert. Bereits nach drei Tagen kehrt der Möchtegern-Schriftsteller zurück zu seinen Eltern in die Provinz. Hier ent- und verwirft er reihenweise neue Buchprojekte, schreibt einen Artikel für die Lokalzeitung, gibt seine erste Lesung in einer Videothek ... Er läßt sich von Mutter bekochen, schaut mit Vater fern und schlägt die restliche Zeit in Kneipen und Spielhallen tot. Doch die Tage der Behaglichkeit enden, als die Eltern erfahren, daß ihr Sohn gar
nicht studiert. Und sie Großeltern werden.

Hier keine Kunst ist ein burleskes, im besten Sinne leicht zu lesendes Buch mit einem ganz eigenen Komikstil, ein großer literarischer Spaß, eine schräge, zeitgenössische Geschichte vom Ernst des Erwachsenwerdens und eine Karikatur des Künstlers als junger Mann. Der Roman spielt mit Klischees, Jargon, Ironie, Spott, Übertreibungen und Mißverständnissen – und dem subjektiv gefärbten Selbstbild des Erzählers, der nur das Beste über sich gelten läßt. Einerseits ist der Roman eine Art Arbeitsjournal und enthält die aktuellen Skizzen des vermeintlichen Schriftstellers, doppelbödige Grotesken und irrwitzige Anekdoten – als Ganzes aber wird der Roman von der Hybris des Erzählers, seinem unverwechselbaren Schwadronieren und dem verdichteten Parlando getragen.

Abweichen. Über Bücher, Comics, Filme. ERATA 2009:

Dieses Buch versammelt unterhaltsame, abwechslungsreiche Aufsätze, führt zusammen, bricht Fesseln auf und eröffnet neue Sichtweisen. Marc Degens porträtiert deutschsprachige Schriftsteller wie Dietmar Dath, Thomas Kapielski, Detlef Opitz und Wolfgang Welt. Er charakterisiert das musikalische Schaffen von Ausnahme-Bands wie Mutter, Milch, Namosh, Throbbing Gristle und T.Raumschmiere. Er stellt die Comic-Kunst von Alison Bechdel, James Kochalka, Lewis Trondheim, Joann Sfar und Walter Moers vor. Marc Degens nähert sich den Monumentalwerken von Louis-Ferdinand Céline, Stefan George und A.F.Th. van der Heijden. Im Mittelpunkt des Buches steht das Andersartige und Ungewöhnliche: Abweichen ist eine Entdeckungsreise an die Ränder und Grenzbereiche des literarischen und künstlerischen Feldes.

Reaktionen

"Alle diese sehr lesenswerten und amüsanten Essays Marc Degens' fokussieren ehrgeizige Antikarrieristen..." Daniel Ketteler, poetenladen

"Hier schreibt einer fachlich kompetent, unterhaltsam wie informativ." Glanz & Elend

"Immer aber merkt man den Texten die Begeisterung des Autors für seinen Gegenstand an." FAZ

"stilistische Raffinesse mit einem geradezu grotesk unsympathischen Protagonisten" Gerald Fiebig

"... Wanderung im Grenzland der Parodie, wo sich Degens bestens auskennt" Ralf Julke

"humorvoll und mit leichter Feder geschildert" Die Berliner Literaturkritik

"Marc Degens lässt seinen Antihelden genüsslich in den Wirren des Literatur- und Geschlechterkriegs treiben. Eine Fortsetzung ist geplant." Titel-Magazin

"Degens schreibt fein und schräg, man lacht sich schlau und scheckig." Park Avenue

"... eine grandiose Apologie des Scheitern, ein satirisch-heiteres Porträt eines angehenden Schriftstellergenies, das 'schwach anfängt, um ganz stark nachzulassen' ..." junge Welt

Rezensionen

Nick Knatterton und Stefan George
Marc Degens erzählt in „Abweichen“ von Büchern, Comics und Musik
Von Kay Ziegenbalg in literaturkritik.de Nr. 12/2009

„Bitte, liebe Leser, sollten Sie den Musik liebenden Literaten kennen, zögern Sie nicht, sich mit mir in Verbindung zu setzen.“ Dieser Aufruf erschien kürzlich im Online-Feuilleton „satt.org“, zu dessen Herausgebern Marc Degens gehört. Was war passiert? Die Anzeige einer bekannten Agentur für Partnervermittlung lockte geistreiche Damen mit dem Konterfei eines Schönlings a la OTTO-Katalog. Dieser Kandidat sei Literat – lockt das Inserat. Marc Degens hat lange in seinem Adressbuch und seiner Erinnerung gewühlt und ihn trotzdem nicht wieder erkannt – das hat verständlicherweise niemand. Wenig später dann ein Hoffnungsschimmer: In einer weiteren Verlautbarung der Agentur steckte das nächste Puzzlestück. Unser schöner Literat liebt Musik.
Im Gegensatz zu unserem Hochglanz-Archetypen macht Marc Degens ernst: Er ist Literat und liebt Musik – darüber hinaus Comics, Kritik, lebt mittlerweile in Armenien und bastelt an neuen Texten, die sein recht umfangreiches Œuvre nur bereichern können. Auf der Bühne – mit dem Live-Feuilleton „Die Begeisterungsshow“, in der Lyrik (auch mit Musik und Video), in der Prosa und dem Essay hat er sich erprobt und sympathisiert durch die Verwendung privater Fotografien für die Presse.
Unter dem viel versprechenden aber in die Irre führenden Titel „Abweichen“ erschien im Leipziger ERATA Verlag eine Sammlung von Feuilletons, die seit 1999 in den verschiedensten Medien erschienen sind. Es geht offenbar um die Randbereiche des Kulturbetriebs. Fern jeder Nischen-Agitation präsentiert der Autor in prägnanter trockener Sprache seine Eindrücke, verknüpft diese fix mit der jüngeren Publikationsgeschichte, die jedes Objekt seiner Beobachtungen umgibt und ist sich nicht zu schade, das Wort „schön“ zu benutzen. Ganz schön angenehm.
Zu T. Raumschmieres elektronifiziertem Punk und Nick Knatterton gesellt sich hier Stefan George. Dieses Spektrum wäre Degens nicht gelungen, hätte er sich partout von Kategorien wie Akzeptanz und Kanon ferngehalten.
Da der umrissene Randbereich allerdings nur in der Perspektive des Etablierten, des Kanonischen existiert, wäre es vermessen, die Leistung des Abweichens für diese Aufsätze und Kritiken zu reklamieren. Im Gegenteil: Wer auch immer den Empfehlungen Degens’ folgt, trägt dazu bei, dass der Rand ins Zentrum rückt. Es ist dieses auferlegte Vertrauen in so etwas wie den Untergrund, dass diese Textsammlung überhaupt nicht nötig hat. „Features, lines no horizon frames“, wie es in einem Gedicht Michael Hamburgers heißt.

... Wenn der in beiden Metiers versierte Schriftsteller Marc Degens in einem Aufsatz über Popmusik und Literatur schreibt, die Popfans seien nicht nur zahlreicher als das gewöhnliche Lesungspublikum, sondern häufig auch jünger, hübscher, knackiger, so trifft dies sicherlich nicht auf die Kleinstadthippies zu, die an jenem Abend des Jahres 1970 miterlebten, wie sich die Skrotum-Inferno-Musiker in einen wahren Improvisationsrausch spielten, da der Sänger keine Anstalten machte, auf die Bühne zurückzukehren... Fritz Müller Zech, Am Erker 58, S. 113

 

Marc Degens weicht ab
Daniel Ketteler, poetenladen 27.08.2009

Wo wir schon bei Marc Degens wären über dessen jüngere Prosa der Kollege Kapielski lakonisch urteilte: „Dieses Buch ist gut!“ Warum also all diese feuilletontypischen Superlative eines neuen Kafka, Benn oder Döblin bemühen? Eben jener Kapielski schimpfte wiederholt auf den Debutantenquatsch im deutschsprachigen Literaturbetrieb und ist auch sonst wohl eher ein Sympathisant Degensches „Abweichens“. Degens reflektierte bereits Jahre vor der jetzigen (teils noch ignorierten) Krise des Buchhandels über die Mechanismen der (Hoch-) Literatur­industrie. So beginnen die gesammelten Degenschen Essays in „Abweichen“ denn auch mit einer identifikatorischen Gegensympathiebekundung, denn „der Weg des 1951 geborenen Charlottenburgers (Kapielski, Anm. d. Verf.) zu den Lesermassen war lang und entbehrungsreich: Selbstverlag, Arbeitsamt, Armut.“ Kapielski rüpelte und grölte sich in den Literaturbetrieb hinein. Dazu Ausstellungen im Dunkeln, bei denen ein Kühl­schrank so umgebaut war, dass er nur von innen leuchtete, wenn er geschlossen war. Künstleridole wie Kippenberger, Roth oder Büttner werden zitiert. Degens setzt auch hier eigene Wegmarken. Wie bei den jüngst erschienen, journalistischen Fauser Texten (Alexander Verlag, jetzt auch Diogenes) scheint klar, dass sich gerade die Abweichler unter den Künstlern ihres Ortes immer wieder versichern müssen. Da ist die durchaus berechtigte Angst vor der Einverleibung durch die Hochkultur und zugleich die heimliche Sehnsucht danach. Alle diese sehr lesenswerten und amüsanten Essays Marc Degens' fokussieren ehrgeizige Antikarrieristen, auch T.Raumschmiere sei ja „rockig, rotzig und irgendwie asozial, so wie der Schwitzkasten eines älteren, nach Zigarettenrauch und Schweiß riechenden Schul­kameraden.“ Dietmar Dath kommt in einem Interview zu Wort, Céline wird, bei aller Problematik, gewürdigt, denn er „dekonstruierte die Gattung, pfiff auf Narration und Linearität, verbannte jede literarische Künst­lichkeit aus seinem Werk und verschnürte die knorrigen Handlungsbrocken mit seinem furienhaften, einzigartigen Stil …“

 

Abweichen: Marc Degens auf Trüffelsuche jenseits von E und U
Ralf Julke, L-IZ, 08.06.2009

Abweichen.2008 veröffentlichte Marc Degens im Leipziger Literaturverlag Erata seinen ersten Roman: "Hier keine Kunst", die Geschichte eines 32-jährigen Taugenichts, der versucht, einen Roman zu schreiben. Ein Stück Wanderung im Grenzland der Parodie. Wo sich Degens bestens auskennt, wie sein neues Buch zeigt. Diesmal ist es kein Roman. Das Buch enthält das, was Degens so umtrieb, wenn er einmal nicht über seinem literarischen Werk brütete: Besprechungen zu Büchern, Comics und Musik, die der 1971 in Essen Geborene zwischen 2002 und 2007 in deutschen Druckerzeugnissen und Online-Seiten veröffentlichte. Darunter die FAZ genauso wie die "junge welt", goethe.de und fluter.de. Aber nicht ohne Grund hat Degens seine journalistischen Arbeiten unter dem Titel "Abweichen" zusammengefasst, denn er treibt sich, auch wenn er für Medien schreibt, am liebsten in Randgefilden herum. Die nicht immer Randgefilde sind. Aber vom deutschen Feuilleton gern so behandelt werden, denn sie passen dummerweise nicht in den Kanon der klassischen Literaturwelt. Wohin mit den Comics, die jetzt so langsam auf eine 100-jährige Entwicklungsgeschichte zurückblicken und deren Autoren immer wieder auch den deutschen Büchermarkt aufmischen?

Wohin mit den Autoren, die keine Bücher auf Bestellung schreiben, dafür Jahrhundertromane, die selbst Leser zum Wahnsinn treiben? Wohin mit der Musikszenerie abseits von Klassik, Rock und Pop? Wahrgenommen im Grunde nur von einer Flut von Szenemagazinen oder – in ihren besseren Zeiten, auch von spezielleren Musikzeitschriften und Stadtmagazinen. Viele von diesen selber schon Kunstwerk und vom Markt verschwunden. Was nichts über Qualität sagt – nur über Marktmechanismen, die ein paar Leute immer wieder versuchen, mit Mut und Eigensinn auszuhebeln. Manchmal gelingt es ihnen. Oft genug nicht. Und wirklich viele, die sich wie Degens mit diesen Szenerien intensiver beschäftigen, gibt es auch nicht im Land. was am Rande sicher mit dem zu tun hat, was ein paar Leute für U und E halten. Aber auch damit, was die klassische E-Medien so wahrnehmen in der Landschaft, was Jurys für lesens- und lobenswert halten und was dann am Ende in die Raster passt.

Auch Degens hat seine Lieblinge. Nicht nur in der Musik, wo er sich nur zu gern mit Bands wie Mutter, Milch und Namosh beschäftigt. Auch im Comic-Fach, in dem nicht nur Walter Moers und Ralf König ihre Auftritte bekommen – wohl verdiente Auftritte: Mit ihnen hat der deutsche Comic die Nische verlassen und auch den bunten Schatten der us-amerikanischen Ur- und Vorbilder. Sie waren die Erfolgreichsten – aber nicht die Einzigen, die in Deutschland neue Wege beschritten. Folgerichtig: Warum sollte sich das Buch nicht auch hier weiterentwickeln, wenn sich ringsum Medienlandschaften veränderten und Kommunikation durch die elektronischen Medien wesentlich lebendiger, demokratischer und flotter wurde? – Dass sich das im gepflegt-ergrauten Feuilleton kaum niederschlug, ist eher symptomatisch für den Unwillen der deutschen Medienmacher, die zwar gern neue Computer und Druckmaschinen kaufen – aber in Sachen Inhalt lieber an starren Grundmustern festhalten. So lange, bis die Leser weglaufen. Und dann wird öffentlich lamentiert.

Degens widmet sich mit Dietmar Dath, Thomas Kapielski und Wolfgang Welt auch Schriftstellern, die einfach keine Lust haben, sich den Erwartungen der Marktstrategen zu beugen. Was sie – zuweilen in jahrelanger unbezahlter Schinderei erzeugen, reiht sich oft nahtlos ein in die Mammutwerke der Arno Schmidt, Uwe Johnson oder James Joyce. Und wenn sie Glück haben, erscheint das Lebenswerk dann irgendwann in einem schönen Schuber bei Suhrkamp. Immer noch ein Geheimtipp für all jene, denen das professoral Ziselierte der üblichen deutschen Preisträger zum Halse raushängt. Tapfer scheint sich Degens durch etliche dieser Rand-Blumen gelesen zu haben. Immer wieder sichtlich erfreut über Leseabenteuer, die dem Lesenden ein wenig Phantasie, Vorfreude und Kombinationslust abnötigen. Manche Rezension wie ein kleines Merkzeichen am Fluss der Zeit: bevor Werk und Autor vom Vergessen verschlungen werden. Denn die Zeit rennt ja weiter und kürt jeden Tag einen neuen berühmten Affen, der sich gut einpasst in die sortierten Sortimente. Durchlaufzeit: Vier Wochen. Dann muss die Auflage vergriffen sein, sonst dreht die Buchhaltung den Daumen nach unten. Das Buch wird verramscht. Die Hatz geht weiter.

Und so hat man mit diesem Band eine kleine Sammlung von bunten Heftklammern, die da und dort Neugier erwecken, manchmal auch ein wenig Verwunderung – denn was hilft es, eine für gewöhnlich unbekannte Band, sie mag noch so sensationell sein, mit einer nicht ganz so unbekannten sensationellen Band zu vergleichen und aufzuzählen, mit welchen sensationell unerhörten Bands ein Musiker in seinem Vorleben schon einmal auftrat? Das Problem an U und E ist eben nicht die Teilung ins Anerkannt-Seriöse und ins Unerkannt-Randlagige, sondern die hüben wie drüben gepflege Szene-Sprech, der in einschlägigen Magazinen wohl noch funktioniert. Aber irgendwie will man ja auch den Nicht-Insidern die Augen und Ohren öffnen? Sonst nützt ja die hübsche Heftklammer nichts. Für Degens ist der Band trotzdem eine Art Bilanz. Seit 2007 lebt der Autor in Eriwan in Armenien und arbeitet dort, wie man liest, literarisch. Was hoffen lässt auf ein weiteres Werk mit Spaß an Selbstreflexion und Parodie. Bis dahin kann, wer Lust hat, mit "Abweichen" mal auf die Suche gehen abseits der üblichen Sortimente. Vielleicht findet sie oder er ja etwas, was sich des Entdecktwerdens lohnt.

 

Kaleidoskop des Abseitigen
Zu Marc Degens unterhaltsamen Sammelsurium von 40 Kritiken jenseits des mainstream »Abweichen«

Seine Texte erscheinen im Tagesspiegel, in der FAZ und der Jungen Welt ebenso wie in diversen Online-Magazinen. Sein Output ist enorm, seine thematische Bandbreite beeindruckend. Und, was das Wichtigste ist, es macht Spaß, seine Texte zu lesen. Nach seinem Romandebut »Hier keine Kunst« ist nun im Erata Literaturverlag, Leipzig, ein schmales aber intensives Bändchen mit 40 meist kompakten Kritiken über Bücher, Comics und Musik erschienen, das den schönen Titel »Abweichen« trägt. Denn Marc Degens ist ein Abweichler. Das kann man zuerst einmal ganz räumlich verstehen, denn er lebt in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Was im Zeitalter des Internets kein Hinderungsgrund mehr ist, die Literaturredaktion des Online-Feuilletonmagazins »satt.org« zu betreuen. »Abweichen« ist auch inhaltlich wie formell das Stichwort für Degens, der sich mit seinen feuilletonistischen Fundsachen meist jenseits des mainstreams bewegt.

Zwischen »anblasen« und »zeichenwelt« spannt sich sein 40 bunte Steinchen beinhaltendes Kaleidoskop des Abseitigen, in dem Namen wie Celine, Stefan George, Dietmar Dath (ein lesenswertes Interview) und Rainald Goetz aufblitzen. Im Verlauf der Steinchenlese fällt auf, daß Degens stets das jeweilige Thema in den Mittelpunkt seines Schreibens stellt. Kulturkritik als Kulturvermittlung statt Selbstdarstellung, das mag wenig zeitgemäß erscheinen, ist aber angenehm entspannend. Hier schreibt einer fachlich kompetent, unterhaltsam wie informativ und von einer aufrichtigen Begeisterung getragen, die in diesen Zeiten so selten geworden ist, ohne mit jeder gelungenen Formulierung nach einem Redaktionsschemelchen bei einem der großen Sinnstifter zu schielen. Vielleicht sind seine Texte deshalb so erfrischend. Herbert Debes, Glanz & Elend

Begeisterungs-Show

Vor einem Jahr veröffentlichte Marc Degens, den Lesern dieser Zeitung durch Rezensionen und Kolumnen bekannt, endlich seinen zweiten Roman. "Hier keine Kunst" hieß er, wie ein Schelmenstück liest er sich, und das Einzige, was man beklagen kann, ist, dass die Publikation in einem Verlag erfolgte, der nicht die ganz große
Aufmerksamkeit genießt. Dafür aber ist jetzt bereits ein weiteres Buch von Degens dort erschienen: "Abweichen", eine Textsammlung über ästhetische Phänomene, in der sich Ausführungen zu Céline oder Stefan George neben Beschreibungen von Schallplatten von Mutter, Milch oder T. Raumschmiere finden, Comics und deren Zeichner
gefeiert, Bücher rezensiert und Schriftsteller befragt werden - und das alles programmatisch gleichgewichtig, denn einziges Kriterium für die Anordnung der Texte ist das Alphabet. So bekommt man ein munteres Pop-Potpourri mit einzelnen auch von Kulturkonservativen als bedeutend eingeschätzten Zwischenspielen, das vor allem belegt, wie ernst man populäre Kultur nehmen kann und muss. Immer aber merkt man den Texten die Begeisterung des Autors für seinen Gegenstand an. Wen wundert's, hat doch Marc Degens auch das Konzept für eine Veranstaltungsreihe namens "Die Begeisterungs-Show" entwickelt, in der wechselnde Gäste sich über Dinge verbreiten, die sie lieben. Dies nun ist das persönliche Begeisterungs-Buch von Degens. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03/2009, apl

Jahrmarkt der Peinlichkeiten
von Gerald Fiebig (aus: Am Erker 56)

Seit einem knappen Jahrzehnt begleitet Marc Degens als Kritiker und Herausgeber des Onlinemagazins satt.org das literarische Geschehen. Seine eigenen belletristischen Arbeiten standen meist im Schatten dieser Aktivitäten. Einem größeren Publikum wurde er 2005 mit Unsere Popmoderne bekannt: In diesen Parodien auf typische Schreibweisen der Gegenwartsliteratur zeigte sich der differenzierende Literaturkritiker Degens von einer vergnüglich boshaften Seite.

Mit Hier keine Kunst legt Degens nun seinen ersten Roman vor. Schon der Titel lässt vermuten, dass es sich um einen Meta-Roman, um eine literarisch formulierte Reflexion über das literarische Kunstwerk handelt - der programmatisch zu nennende Untertitel Fast ein Roman verstärkt den Verdacht. Auch Hier keine Kunst arbeitet mit Parodien verschiedener literarischer Genres - allerdings fungieren sie als Belege, dass der Wunsch des Ich-Erzählers, Schriftsteller zu werden, mangels Talent (und vor allem aus Faulheit) zum Scheitern verurteilt
ist. Obwohl von einem Wunsch eigentlich nicht gesprochen werden kann. Vielmehr klammert sich der namenlose Erzähler (der durchaus, wie der Proustsche Marcel, den gleichen Vornamen tragen könnte wie sein Autor) an den chimärenhaften Lebensentwurf des Schriftsteller- Werdens, nachdem ihm bis zum Alter von 32 Jahren der Schritt in auch nur irgendeine Form von Erwachsenendasein nicht gelungen ist: Nach einem missglückten Versuch, nach Berlin zu ziehen, lebt der "Held" wieder bei seinen Eltern, denen er seit Jahren erfolgreich verheimlicht, dass sein von ihnen finanziertes Studium nie stattgefunden hat.

Man muss es wohl Marc Degens' stilistischer Raffinesse zuschreiben, dass man diesen Roman mit seinem geradezu grotesk unsympathischen Protagonisten mit großem, bisweilen verquältem Gelächter liest. Für den in Westdeutschland sozialisierten Leser hat das auch damit zu tun, dass man in der peinlichen BRD-Provinz der achtziger Jahre - die Zeit der Pubertät, in der der Erzähler hängengeblieben ist - auch Aspekte der eigenen Biografie wiedererkennt. Fazit von Degens' nur leicht überzeichnetem Gruselkabinett von Drögheit und Tristesse der Bonner Republik: Auch die BRD hatte 1989 den Untergang verdient. Kein 80er-Revival sollte uns darüber hinwegtäuschen! Strukturell funktioniert das Buch so, als hätte John Waters die Ausgangssituation der Suche nach der verlorenen Zeit für einen Film verwendet. In der Hauptrolle: Hermes Phettberg. Aus dem Kontrast
heraus gibt sich Degens' Roman als eine lustvolle Breitseite gegen verklärende Nabelschauprosa à la Generation Golf zu erkennen, indem er deren Sujet als ästhetisch nicht satisfaktionsfähig entlarvt. Einen schalen Witz auf anderer Leute Kosten macht Degens damit nicht, ironisiert sein Buch doch auch das eigene literarische Tun und Trachten. Und Selbstironie ist ja bekanntlich in jeder Kunstform eine viel zu seltene Qualität.

Sehnsucht nach Entschleunigung. Marc Degens’ Roman „Hier keine Kunst“
von Ronald Klein (© Die Berliner Literaturkritik, 01.08.08)

Das blauschwarze Cover überzeugt als ungewöhnlicher Blickfang. Einmal wahrgenommen, schießen sofort verschiedene Gedanken durch den Kopf: Ob die Gestaltung programmatisch wirkt? In der Dämmerung schreitet die Silhouette eines Mannes eine lange Treppe hinab. Ein Abstieg? Und was hat es mit dem mysteriösen Untertitel auf sich? – „Fast ein Roman“ prangt in großen Lettern auf dem Cover des aktuellen Buches des 37-jährigen Autors, der letztes Jahr seinen Wohnsitz nach Eriwan / Armenien verlegte. Handelt es sich um ein Fragment? Um eine Aneinanderreihung von Anekdoten mit verzweifelt gestricktem roten Faden? So viel Spannung vor dem Aufschlagen der ersten Seite erzeugt selten ein Buch. Der Klappentext verspricht immerhin schon mal einen Schelmenroman. In jener Gattung stolpert der zumeist ungebildete Protagonist unbedarft durch die Welt und gerät immer wieder in heikle Situationen, aus denen er sich mit Verve zu retten vermag.

In diesem Fall handelt es sich um einen sympathischen, fast 33-jährigen Taugenichts aus einer westdeutschen Kleinstadt, der es endlich schafft, dem Elternhaus zu entfliehen: Ausgerechnet Richtung Berlin, das aus der kleinstädtischen Perspektive wie ein Sündenpfuhl anmutet. Das Ziel des bisherigen Nesthockers lautet nicht minder, als einen Roman zu schreiben, „den alle Menschen auf der ganzen Welt verstehen können. Der verfilmbar ist, global, umfassend und universal, etwa so wie das Internet.“ Bevor er das Wagnis der eigenen vier Wände sucht, schlüpft er lieber bei seinem vermeintlichen Schulkumpan Stefan unter. Der angehende Autor nimmt die Aufbruchstimmung der eben noch geteilten Stadt wahr, er inhaliert regelrecht das morbide Flair der Ost-Berliner Mitte. Bezeichnenderweise handelt es sich jedoch nicht um 1989, sondern um das Jahr 1999. Ziemlich spät, um Berlin noch als pulsierende Baugrube mit rätselhaftem Brachland und noch rätselhafteren Menschen zu entdecken. Vielleicht ahnt dies auch der angehende Autor, denn seinen Aufenthalt in der Hauptstadt ertränkt er in Bier. Viel Bier. Nach einem ausgedehnten Gelage entscheidet er sich dann doch in den heimischen Schoß zurückzukehren. Doch das Kleinstadtidyll inspiriert ebenso wenig zum Verfassen des „universalen Romans“ wie die lautdröhnische Spreemetropole. Immer neue Anfänge und Skizzen schreibt der ambitionierte Autor, der inzwischen im elterlichen Keller residiert, nachdem die Großmutter das Kinderzimmer okkupierte.

Die Romananfänge und ebenso fiktive Reportagen seines Anti-Helden montiert Degens in die Romanhandlung. Das heißt, nach Genette, die eigentliche Erzählung pausiert in regelmäßigen Abständen. Neben den literarischen Fragmenten unterbrechen den Erzählfluss Rückblenden in die Kindheit und Jugend des Protagonisten, die vertraut nach neonfarbenen 80er Jahren klingen. Somit erklärt sich die Joyce-Assoziation Dietmar Daths auf dem Klappentext. Der „Stream of Consciousness“ führt immer wieder in verwinkelte Gassen oder weit zurück in die Erinnerung. „Hier keine Kunst“ funktioniert somit dann auch weniger als Roman mit einer stringenten Handlung, die sich leichter Hand nacherzählen lässt, sondern als Sittengemälde (West-)Deutschlands vor der Globalisierung. Die Zeit verging hinter Mauern langsamer als in der neuen Hauptstadt. Immer wieder lässt sich mit der Schilderung des behüteten Familienlebens die verstaubte Zufriedenheit der 60er und 70er assoziieren. So erscheint die Rückkehr des Protagonisten in den Schoß der Familie wie ein metaphorischer Rückzug ins Private. Und damit gewinnt Degens’ Schelmenroman an Doppelbödigkeit, denn neben den humorvoll und mit leichter Feder geschilderten Anekdoten aus dem Leben eines verhinderten Schriftstellers, steckt natürlich implizit das Schweigen über die Resignation und Weltfremdheit des Protagonisten, der sich als junger Mann nach nichts mehr als einer entschleunigten Welt sehnt.

Literatur im Zustand ihres Nicht-Dasein
Dem Leben liebevoll über die Schulter blicken, um ihm dann mit einem langen Messer von hinten ins Herz zu stechen: so funktioniert der Witz von Marc Degens

von Tina Manske, Titel-Magazin, 06-2008

„Kollegenlob stinkt“, lautet ein oft zitiertes und dabei auch noch falsch überliefertes Bonmot aus einer Zeit, in der jeder etwas sagen durfte, solange keiner zuhörte (wahrscheinlich frühe 80er Jahre). Wir wollen also gar nicht näher auf solch einen Quatsch eingehen, sondern hier ausgiebig den Kollegen Marc Degens von satt.org loben, insbesondere seinen neuen Roman Hier keine Kunst, den er selbst schelmisch in der Genrebezeichnung als „fast einen Roman“ einstuft. In der Tat ist es Degens’ Spezialität, auf Literatur im Zustand ihres Nicht-Daseins einzugehen bzw. den Schein von Literatur zu erwecken, wo eigentlich keine ist, und damit dann doch wieder über die hintersten und schummrigsten Ecken Literatur zu „machen“. Nach diesem Prinzip funktionierte auch seine letzte Veröffentlichung Unsere Popmoderne, die Zusammenfassungen fingierter Bücher von fingierten Autoren vorstellte. War Unsere Popmoderne noch zu Hause im eigenen Verlag Sukultur erschienen, so hat Degens nun mit dem jungen Leipziger Verlag Erata einen äußerst passenden Vertrieb für sein neuestes Buch gefunden.

Wirren des Literatur- und Geschlechterkriegs

Erzählt wird die Geschichte eines Möchtegern-Autors Anfang 30, den seine Oma Jürgen nennt und der sich endlich aus der gemütlichen Stube seiner Eltern verabschiedet, um nach Berlin zu gehen und dort große Erfolge zu feiern: „Ich möchte hier einen Roman abfassen, den alle Menschen auf der ganzen Welt verstehen können. Der verfilmbar ist, global, umfassend und universal, etwa so wie das Internet.“ Man sieht sofort, hier ist jemand, der sich den wirklich großen Zielen widmet. Die Eltern haben denn auch ihre eigenen Strategien, um mit dem plötzlichen Trennungsschmerz umzugehen: „Vater wollte wissen, wann genau ich am nächsten Tag abreise. Danach rief er Großmutter an und berichtete ihr, dass mein Zimmer frei werde und sie schon am nächsten Nachmittag einziehen könne.“ Schon an diesen kurzen Beispielen merkt man, wie Degens’ Witz funktioniert: dem Leben liebevoll über die Schulter blicken, um ihm dann mit einem langen Messer von hinten ins Herz zu stechen. Hier keine Kunst erzählt also die Geschichte eines Autoren, wobei die unmittelbare Wiedergabe der Elaborate dieses Autoren den roten Faden darstellen – Anfänge von Thrillern, Beziehungsgeschichten, Reportagen, die allesamt als gute Idee beginnen und nach einigen Seiten als Rohrkrepierer enden. Dazwischen wird die erste erfolgreiche Lesung im Pornokino abgehalten, schwule ehemalige Nicht-Klassenkameraden zu neuen Freunden umgedeutet und viel Bier in Berliner Kneipen getrunken. Und das alles mit einem Humor, dessen Bandbreite nichts zu wünschen übrig lässt. Marc Degens lässt seinen Antihelden genüsslich in den Wirren des Literatur- und Geschlechterkriegs treiben. Eine Fortsetzung ist geplant.

Apologie des Scheiterns

Der Ex-Berliner Autor Marc Degens konterkariert in seinem Roman Schriftstellerallüren und Hauptstadthype

von Timo Berger, Junge Welt vom 11. 6. 2008

Der umtriebige Kulturagitator Marc Degens, dem wir bislang Bücher in Süßwarenautomaten, ein Onlinefeuilleton und spritzige Lese-Shows verdanken, hat nun »fast einen Roman« vorgelegt – wie der Untertitel von »Hier keine Kunst« einschränkend vermerkt. Die Geschichte, die der in Essen geborene und nach Umwegen über Bochum,
Berlin und Krakau heute in Eriwan lebende Autor und Herausgeber erzählt, ist eine grandiose Apologie des Scheiterns, ein satirisch-heiteres Porträt eines angehenden Schriftstellergenies, das »schwach anfängt, um ganz stark nachzulassen«, wie man die Handlung in Anlehnung an den in den achtziger Jahren Duplo-Riegeln
beigelegten Stickersprüchen zusammenfassen könnte.

Popliteratur, Comic, Sciencefiction, B-Movies, Computerspiele, Werbung, Kneipengespräche und Abenteuerromane werden bei Degens – wie schon in seinen Kolumnen für die mittlerweile eingestellte
Berlin-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – zu Materiallagern, deren Substrate er in seinem Beinah-Roman stilsicher montiert und mit treffenden Dialogen humorvoll in Szene setzt.

Zu Beginn flieht der Held, ein etwas aufgedunsener und dem Alkohol nicht abgeneigter Jürgen – »ledig, zweiunddreißig Jahre jung und beruflich… sagen wir es so ungebunden« – aus der münsterländischen
Provinz nach Berlin, »dem finsteren Moloch, der pulsierenden Spreemetropole, Deutschlands Herzkammer«. Dort will er sein Lebensziel verwirklichen: »Einen Roman abfassen, den alle Menschen auf der ganzen Welt verstehen können.« Doch die Erwartungen des Helden an seine neue Heimat zerplatzen wie schillernde Seifenblasen: Anders als die Lehmänner der achtziger Jahre, ist Degens Held auch im Nachwende-Berlin ein Zuspätgekommener. Die erste Anlaufstation, die Bude eines alten Schulkameraden mit dem obligatorischen Kohleofen und Außenklo, spiegelt rein gar nichts von dem ersehnten Glam der Hauptstadt wieder.

Der Held stürzt sich jedoch unbeirrt ins Großstadtleben. Auf einen Spaziergang über den nahegelegenen Dorotheenstädtischen Friedhof folgt eine nächtliche Sauftour auf der Suche nach weiblicher Zuwendung. Am Morgen wacht er in einem wackelnden Bett auf, in dem sich sein Gastgeber mit einem anderen Mann verlustiert. Doch es kommt noch schlimmer: Am zweiten Abend entpuppt sich der vermeintliche Schulfreund als unbekannter »Zoni« und setzt unseren »Besserwessi« im Streit wieder vor die Tür. Der rauscht stehenden Fußes wieder zurück in die Provinz. Doch dort hat das Leben unerwartet Sprünge getan: Das Kinderzimmer ist ausgeräumt, dort
schläft nun die Großmutter. Jürgen muß seine Existenz zwei Stock tiefer in den Keller verlegen. Drastische Einschnitte, die jedoch bei unserem Helden – ganz in der Tradition des Schelmenromans – nicht zur Einsicht führen. Vielmehr bastelt der weiter an seinen guten Vorsätzen und entwickelt und verwirft in den folgenden 150
Seiten eine Romanidee nach der nächsten.

Die Berlin-Fahrt wird zur bloßen Episode – ein Filmriß in der sonst so durchorganisierten spätestpupertären Lebenswelt des Helden mit Vollpension im elterlichen Haus und täglichen Rundgängen durch die Einkaufspassage. Begleitet wird er dabei von seinem Freund Latte, »eine stadtbekannte Institution«, ein Sprücheklopfer und Frauenheld, der penibel jeden Stich in einer »Beischlafchronik« >vermerkt; und natürlich begegnet Jürgen in der Kleinstadt auch die große Liebe: Katja.

Fulminanter Höhepunkt der Handlung ist konsequenterweise Jürgens literarisches Debüt. Durch Lattes Vermittlung gelingt es ihm, eine Lesung in der Porno-Abteilung einer Videothek zu organisieren, wo
er seine erste, in der Lokalzeitung veröffentlichte Kolumne vortragen soll. Die Lesung gerät zum Fiasko – Katja verdrückt sich mit Latte – und ein verrückter weiblicher Fan, der ihm aus Berlin gefolgt war, läßt sich von ihm im After-Lesungsrausch schwängern. Jürgen ist am Ende: »Es hat alles keinen Sinn… Ich gebe auf«, schließt das Buch. Doch wir als Leser können sicher sein: Es geht weiter. Und freuen uns auf den nächsten Degens, auf viele weitere urkomische Szenen – verschlägt es den Antihelden Jürgen vielleicht demnächst ins kaukasische Eriwan?

 

Schelmisch, lustig, gut: Marc Degens' neuer Beinahe-Roman
von Helge Hopp, Park Avenue.de

Hier keine Kunst, da muss man dem FAZ-Kollegen mit elfjähriger Verzögerung doch auch quasi über Bande schließlich Recht geben, hat tatsächlich was von Kafka, von Joyce, von Beckett. Und von Eckard Henscheid sowieso, von Frank Schulz auch, dazu Helge Schneider, etwas noch von Simon Borowiak, und das alles nicht zu knapp. Man kann sich wahrlich schlechtere Voreiferer suchen. Erzählt wird mit erstaunlicher Sicherheit ein Schelmenroman, der ohne Mühen auch "Von einem, der auszog, das Verlieren zu lernen" heißen könnte. Seine Großmutter nennt den redseligen und erklärfreudigen Kerl 'Jürgen', aber er hat es auch nicht leicht mit ihr. Der Nahezu-Taugenichts, noch früh, aber doch schon bedrohlich sicher in seinen Dreißigern, flieht aus der münsterländischen Provinz in die ach so brodelnde Hauptstadt, versucht sich als Schriftsteller, Nachtschwärmer und Frauenversteher – man könnte nicht mit Bestimmtheit sagen, in welcher dieser (und weiterer) Disziplinen er am konsequentesten scheitert. Er scheitert jedoch mit Verve, mit unerschrockener Freude an all den jeweils nächsten, zwanglos entwickelten und ebenso unverkrampft verfolgten, gern auch rasch wieder aufgegebenen Plänen und Möglichkeiten. Jürgen kehrt heim, und nur wer ihm wirklich Böses wollte, könnte ihn "geschlagen" nennen. Mama und Papa sind freundlich und genügsam, doch das Ende der Leidenszeit ist noch fern: Eine hartnäckige, leider komplett reizlose Literatur-Verehrerin folgt ihm, das Lokalblättchen erkennt nicht, welche Kisch-Reinkarnation ihm da ins Redaktionsstübchen geweht worden ist, die erste Lesung unseres viel versprechenden Künstlers, in die Porno-Abteilung der Videothek gelegt, wird zum psychischen Fiasko… Degens untertreibt systematisch, wo sein Narr besonders übel auf die Schnauze fliegt, er lässt ihn träumen und spinnen, fabulieren und faseln, schwadronieren und ihn sich selbst ermahnen, dass es eine wahre Freude ist. Ganz nebenbei bekommt der so genannte 'Literaturbetrieb', wo unserem aufrechten Tor die blutleeren Wichtigtuer und Phrasendrechsler reihenweise begegnen – man versteht, klaro, einander ganz und gar nicht –, sein Fett so verdient wie überreichlich weg. Man leidet fast mit Jürgen, diesem lethargischen, aber doch unermüdlichen Pechvogel, der in Slapstick-Manier immer dann besonders, ja nahezu brüllend komisch ist, wenn er sich im Prinzip als glücklichen Menschen er- und empfindet. Degens schreibt fein und schräg, man lacht sich schlau und scheckig. Vielleicht ist es doch nicht so übel in Eriwan…

Stimmen zu Marc Degens' “Unsere Popmoderne”

“Der eigentlich schwindelerregende Witz dabei ist die fast komplette Ununterscheidbarkeit zwischen Original und Parodie, zwischen Authentizität und Karikatur. Seine Capriccios zeigen Marc Degens als Nicht-Übertreibungskünstler.” Ijoma Mangold, Süddeutsche Zeitung

"Degens hat den Literaturbetrieb so maßstabsgetreu wie ein Modelleisenbahner nachgebaut. Jungle World

"Auch aus biografischen Angaben zu den fiktiven Autoren macht Degens kleine Dramen im Buchklappen-Stil." Tagesspiegel

"Crazy!" Françoise Cactus


 


Textprobe
aus: Hier keine Kunst und Abweichen

Zu den Büchern !
- Hier keine Kunst
- Abweichen

Daniel Ketteler über Degens