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Peter Gehrisch
geb. 1942 in Dresden, Mitherausgeber der Zeitschrift für Literatur und Kunst OSTRAGEHEGE, lebt in Dresden und Lwówek Śląski
Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag
Hans-Theodors Karneval oder Das Federnorakel. Roman, ERATA 2006
Tunnelgänge. Gedichte, ERATA 2006
Übersetzungen im Leipziger Literaturverlag
Wojciech Izaak Strugała: Phantasmagorien, ERATA 2005 (auch als Hörbuch)
Urszula Koziol: Bittgesuche, ERATA 2007
Das reicht für eine Irrfahrt durch Polen, LLV 2010 (Anthologie mit mit Texten von Anna Janko, Zbigniew Herbert, Urszula Kozioł, Czesław Miłosz, Wisława Szymborska, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki u.v.a.)
Cyprian
Kamal Norwid: Über die Freiheit des Wortes, LLV 2011
Weitere Veröffentlichungen
„Dresden. Flug in die Vergangenheit“, Beitrag zur Dokumentarfilmgeschichte, mit Christian Borchert, Verlag der Kunst Dresden, 1993; „Poet’s corner 19: Peter Gehrisch“, Gedichte, Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, Berlin 1993; „Das Glücksrad“, Prosa, Hellerau Verlag, Dresden 1994; „Es ist Zeit, wechsle die Kleider. Stimmen aus Polen“, Gedichte (Hrsg., mit Dieter Krause), Literarische Arena, Dresden 1998; „Das Land Ulro nach Schließung der Zimtläden. Stimmen aus Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn“, Anthologie (Hrsg., mit Axel Helbig), Literarische Arena, Dresden 2000; „Zraniony słowem wers / Wortwunder Vers“, Gedichte, poln./dt., Tikkun Verlag, Warszawa 2001; „Orpheus. Gespräch im Wort“, Gedichte dt. und poln. (Mhrsg.), Literarische Arena, Dresden 2001; „Heimkehr in die Fremde. Stimmen aus der Mitte Europas“, Anthologie (Hrsg., mit Axel Helbig und Jayne-Ann Igel), Literarische Arena, Dresden 2002; Cyprian Kamil Norwid: „Das ist Menschensache!...“, Ausgewählte Gedichte, polnisch-deutsch, Dresden 2003; „Orpheus versammelt die Geister. Stimmen aus der Mitte Europas“, Anthologie (Hrsg., mit Axel Helbig), Literarische Arena, Dresden 2006; „Z ust źródeł“ / „Aus Brunnenmündern“, Begegnung der Poesie in Lwówek Śląski (Hrsg., Texte poln., dt., tschech., ukr., niederl.), Literarische Arena, Lwówek Śląski 2006.
Stimmen
Peter
Gehrisch und die faszinierende Lyrik nebenan: Eine ganz besondere Irrfahrt
durch Polen
Ralf Julke, L-IZ vom 14.01.2011
Man hat es ja schon fast vergessen, dass Literaturnobelpreise auch immer wieder politische Preise sind. Das war auch 1980 so, als die Solidarnosc eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen forderte. Im selben Jahr bekam Czeslaw Milosz den Literaturnobelpreis. Er lebte seit 1951 im Exil, seine Bücher waren in Polen verboten. Erst 1980 wurden sie wieder freigegeben. Das steht freilich nicht in den kurzen Biogrammen, die dieser Auswahl polnischer Lyrik beigegeben sind. Es gibt zwar immer wieder Auswahlbände mit polnischer Lyrik aus deutschen Verlagen. Doch sie haben fast alle dasselbe Schicksal: Kaum einer nimmt sie außerhalb enger Zirkel von Liebhabern der polnischen Dichtkunst wahr. Manchmal schafft es ein polnischer Dichter zu etwas mehr Aufmerksamkeit. Neben Milosz trifft das auch auf Wislawa Szymborska zu, die 1996 den Literaturnobelpreis erhielt. Auch Zbiegniew Herbert und Urszula Koziol werden ab und zu wahrgenommen. Doch die Wahrnehmung der polnischen Dichtkunst bleibt flickenhaft. Das Meiste bleibt unübersetzt ins Deutsche.
Umso wichtiger sind die Grenzgänger der Literatur, Leute wie Peter Gehrisch, 68, selbst Lyriker. Seit 21 Jahren erkundet der Dresdener, der Chefredakteur der Dresdner Literaturzeitschrift "Ostragehege" war, das Nachbarland im Osten und übersetzt regelmäßig Arbeiten jener Autoren, die ihm nahe sind. Vielleicht liegt es daran, dass das Meiste von dem, was dieser Auswahlband jetzt versammelt, so vertraut wirkt. Denn wie die besten hiesigen Dichter, gestalten auch polnische Dichter die Landschaften, in denen sie leben, lieben sie die Geschichten, Farben und Eindrücke, die sich in Versen verdichten. Und sie lieben das fragende, suchende, schauende und staunende Ich.
Peter Gehrisch benennt es selbst in seinem Vorwort: "Wie ist es um das Beispiel exzentrischer Reisen in Bereiche des Visuellen bestellt, wie sie Polen vollziehen?", fragt er. Und sieht beim Übersetzen das Vernehmlichwerden "mit Herkunft, Wunden und Erklärungsnöten" verknüpft. Manche Dichterin, mancher Dichter zeigt das Land als verwundetes und doch zauberhaftes, das eigene Leben als gefährdet - und doch erstaunlich. Kaum ein Gedicht, das nicht klare, deutlich, meist erdhafte Farben trägt. Auch dort, wo die modernen Verwundungen sichtbar werden – nur etwas seltener. Denn auch das Leben in der zweiten Hälfte des 20. und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts beschreiben selbst die jüngeren Dichter gern mit zeitlosen Bildern. Da passt selbst ein "Tesco"-Markt in den Moment des Nachdenkens über Trauer, Leidenschaft und Liebe (Karol Maliszewski), eine ganze antike Mythenwelt wird zitiert (Janusz Styczén), Platon, Darwin und Kant werden berufen.
Exzentrisch ist das alles nicht sehr. Es sei denn, man gesteht den Dichterinnen und Dichtern den eigenen Blick nicht zu, die eigene Trauer und die eigene Begeisterung an dem Leben hienieden, das in Polen auch mit starken religiösen Farben durchsetzt ist. Nicht abgelöst oder aufgesetzt. Es gehört dazu. Es gibt dem Blick auf die Welt die tiefen Töne. Und klingt auch mit, wenn von Gott keine Rede ist. Und da klingt es sehr vertraut: "Halte den Atem, die Hände im Zaum, / mit einem Blick in die Tiefe der Scheibe öffnet / die Phantasie der Natur das Lied ..." (Wojciech Gawlowski). Manches erinnert - wohl nicht ohne Ursache - an die Gedichte Bobrowskis. Denn Dichtung ist - auch im Zeitalter der Hektik und der schrillen Moden - gebunden an die Landschaften, in der sie entsteht, an das Temperament ihrer Dichter, die Farbe ihrer Sprachen und den Reichtum ihrer lebendigen Erinnerungen. Und je mehr man liest von dem, was Gehrisch für die sechs Kapitel seiner Polen-Reise ausgewählt hat, umso vertrauter kommt einem der Klang dieser Gedichte vor, die Bilderwelt sowieso, auch wenn das Wundern darüber bleibt, dass hier die kleinen, alltäglichen Dinge wieder ihre uralte, große und beeindruckende Rolle spielen. Ganz so, als suchten diese Dichter nach dem Wesentlichen und Eigentlichem, dem, was das Herz und das Auge erfreut, was das Aufwachen an einem Wintermorgen zu einem großen Staunen macht - und den Sommer zu einem großen Knistern.
Und da die polnische Geschichte seit 1.000 Jahren so eng verzahnt ist
mit der deutschen, ist auch das Kapitel "Das Gedächtismuseum in meinem
Kopf" kein fremdes, sondern ein vertrautes. "Vielleicht finden
wir den Anthrazitgeschmack / der gemeinsamen Kindheit vor tausenden Jahren"
(Anna Janko). Vielleicht ist es gerade das stets Gegenwärtigsein der Geschichte
(und ihrer Spuren), das diese Reise durch die polnische Lyrik anmuten lässt,
als hätte man - irgendwann vor ein paar vergessenen Jahrhunderten - so eine
Reise schon einmal unternommen. Und nun hat nur noch der Übersetzer gefehlt,
der uns wieder zeigt, wie ähnlich uns unsere Nachbarn sind. Auch in ihrem
Staunen über das scheinbar so Selbstverständliche: "Jede Begegnung
ist ein erblühender Abschied. / Das Wunder des Vergänglichen - unvergänglich",
schreibt Anna Janko. Eine Entdeckungsfahrt voller Bilder. Ganz so, als wäre
man zum Durchblättern eines uralten Familienalbums eingeladen. Und erkennt
sich selbst wieder in so manchem Bild. Auch wenn man weiß: Eigentlich kann
das nicht sein. - Aber für gute Lyrik gelten andere Gesetze.
Dresdner Neueste Nachrichten, 6.12.2010
Angst und Kommunikationsnot als Ausgangspunkt ambivalenter Metaphorik
Peter Gehrisch lebt heute in Lwówek Śląski (Polen) und Dresden. In beiden Orten traf ich ihn im Juni 2006 für dieses Gespräch. Peter Gehrisch ist seit vielen Jahren ein Freund. Ich bewundere ihn für die Energie, mit der er sich insbesondere für den deutsch-polnischen Kulturaustausch einsetzt, als Organisator und Übersetzer. Thema unseres Gesprächs war sein soeben erschienener Roman, von Gehrisch kurz „Das Federnorakel“ genannt. Es mag verwundern, daß einer die Groteske wählt, um das Trauma seiner Kindheit literarisch zu bewältigen. Vielleicht ist es aber auch folgerichtig. Gehrisch beruft Grimmelshau-sen als Kronzeugen. „Offenbar folgt dieser Fokus einer Notwendigkeit, um die Absurdität des Gesche-hens überhaupt begreifen zu können“, sagt Gehrisch. „Im Grunde genommen sind ja alle Erscheinungen der Welt grotesk, die Spitze bildet jedoch der Krieg, das Grausame, das grausame Unvorstellbare.“ Unser Gespräch kreist um die Themen Groteske und Sprachfindung. Gehrisch ist von Haus aus Lehrer und hat Legionen von Schülern zu Sprachfindung verholfen. Wer sollte also eher prädestiniert sein, das Thema Sprachfindung in einem Entwicklungs-Roman aufzugreifen. Im Gespräch wird deutlich, daß das, was sich scheinbar mühelos als groteskes Sprechen seiner picarischen Helden geriert, schwer erarbeitet worden ist. Ganze Bibliotheken der grotesken Literatur wurden verdaut, dazu die Bibliothek der litera-rischen Moderne und die Phänomenologie Edmund Husserls, fußend auf dem Fundament der Kantischen Philosophie. Als Lyriker sieht sich Gehrisch ganz in der Tradition des Expressionismus. Trakl, Heym und Stramm sind wichtige Bezugspunkte. Aber auch Hofmannsthals Lord-Chandos-Brief. Daß „die Worte wie modrige Pilze auf der Zunge zerfallen“ können, daß also die Kommunikation zu scheitern droht, ist eine der prägenden Grunderfahrungen Gehrischs – als Lehrer im totalitären System DDR und als Dichter.
Axel Helbig: Herr Gehrisch, ich würde zunächst gern über Ihren in diesem Jahr erschienenen Roman „Hans-Theodors Karneval oder Das Federnorakel“ sprechen. In der Art des Schelmenromans wird die Geschichte von Hans-Theodor Schnakenburg erzählt, „dem Jungen, der die turbulenteste Karnevalsnacht, die die Welt jemals sah, in ihrer Totale durchlitt und weiterhin leidet.“ Gemeint ist jene Faschingsnacht des 13. Februar 1945, in der Dresden in Schutt und Asche gelegt wurde, ein Tag, den Sie als Kind selbst miterlebt haben. Zunächst überrascht die heute nahezu als gewagt anzusehende formale Anbindung des Romans an die Tradition des frühbarocken Schelmenromans à la Rabelais und Grimmelshausen. Welche Beziehungen haben Sie zur Groteske? Wie entstand die Idee, den Roman formal als Groteske zu gestalten?
Peter Gehrisch: Das Groteske hat mich früh angezogen –
etwa die Bilder von Hogarth, Goya und Grandville, oder in der Literatur
Grimmelshausen, Gogol oder Sebastian Brant. Auch die Tatsache, daß in der
Groteske das Menschliche und das Tierische oft verschmelzen.
Es war ursprünglich nicht meine Absicht, eine Groteske zu schreiben. Ausgangspunkt
waren Aufzeichnungen zur Kindheit, wobei die Bombardements auf Dresden ein
zentra-les Motiv darstellten. Die Suche nach einem geeigneten Stil, diese
Aufzeichnungen in eine Romanform zu bringen, fiel geschichtlich betrachtet
in die Zeit des Zusammenbruchs des kommunistischen Weltsystems, die von
vielen auch als eine Zeit der Desillusionierung empfunden wurde. Parallel
beschäftigte ich mich intensiv mit einigen polnischen Lyrikern und entdeckte
v. a. bei Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki die Verbindung mit Elementen der picarischen
Literatur. Ich las dann „Lazarillo de Tormes“ und Rabelais’ „Gargantua und
Pantagruel“. Diese Parallelitäten haben vermutlich den Blick auf die Groteske
gelenkt.
Axel Helbig: In dem der Romanhandlung vorangestellten „Proöm“ steht, „die absurde Sprache macht mir die Dinge weis“.
Peter Gehrisch: Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Dies rekuriert, wenn man so will, auf die Philosophie von Edmund Husserl. Es gab seit jeher zwei Betrachtungswinkel im Sinne des Begreifens von Welt. Die Betrachtungsweise, ausgehend von einem Ich, und die objektive Betrach-tungsweise, indem das Sein als Ausgangspunkt angesehen wird. Husserl durchbricht die tradierte Philosophie auf eine interessante Weise. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertritt er plötzlich die These, daß nicht das Subjekt und das Objekt das Entscheidende über die Welt aussagen, sondern daß jener Punkt betrachtet werden müsse, der zwischen Subjekt und Objekt steht. Dieser Punkt ist schlechthin das Zeichen oder die Ansammlung von Zeichen. Wie schon Kant festgestellt hat, ist es uns nicht gegeben, die Dinge unmittelbar zu erkennen, sondern wir können sie nur per Zeichen erkennen. Wir bezeichnen einen Gegenstand und diese Bezeichnung speichern wir in unserem Gedächtnis. Und mit dieser Bezeichnung pflegen wir dann Umgang. Die Sprache selbst ist es, die uns die Dinge weismacht, nicht die Dinge selbst, die erst bezeichnet werden müssen. Damit hängt im übrigen die ganze Absurdität menschlichen Strebens zusammen. Der Mensch muß sich über die Sprache sein Bild von der Welt verschaffen, über die von Kant beschriebenen Konstanten Zeit und Raum hinaus, bis hinein in die Kausalität. Bisher ist es keinem Men-schen gelungen, eine bis ins Letzte durchdringende Klarheit über die Dinge oder auch nur die gesellschaftlichen Prozesse zu erringen. Und das ist das Dilemma.
Axel Helbig: Ein anderes Dilemma könnte in der Frage bestanden haben, ob sich die Mittel und Formen der Grotes-ke eignen, solche erschütternden Vorgänge wie die Bombardements auf Dresden darzustellen? Wie bei Grimmelshausens „Simplicissimus“ steht im „Federnorakel“ ein Kind dem Chaos dieser Welt gegenüber und muß dies für sich in Begriffe bringen?
Peter Gehrisch: Auch bei Grimmelshausen ist die Grunderfahrung Krieg der Ausgangspunkt. Es wird gefoltert, vergewaltigt, das Haus wird angezündet. Über den ganzen Roman hin gibt es erschütternde Botschaften des Krieges und der Verwüstung der Seele. Offenbar folgt dieser Fokus einer Notwendigkeit, um die Absurdität des Geschehens überhaupt begrei-fen zu können. Das Bombardieren von wehrlosen Zivilisten, von Kindern und Frauen, diese Totalität des Krieges, entzieht sich – zumal für ein dreijähriges Kind – allen Begrif-fen und allem Begreifen. Daraus resultiert eine Fassungslosigkeit, die das Denken über Jahrzehnte prägt. Im Grunde genommen sind ja alle Erscheinungen der Welt grotesk, die Spitze dieser Erscheinungen bildet jedoch der Krieg, das Grausame, das grausame Unvor-stellbare. Das Wahrnehmungsvermögen des Menschen wehrt sich dagegen, dies anzu-nehmen, weil es aller vertrauten Erfahrung widerspricht. Ich habe den Krieg als einen gewaltigen Schlag auf die Psyche erfahren. Merkwürdigerweise hat man das aber verkraf-tet – sozusagen im Schutzmantel der Familie, im Schutzmantel von konventionellem Denken und Ordnen der Begriffe. Was allerdings nicht vor Angstträumen, lang anhalten-den Alpträumen, bewahrte. Die Abarbeitung dieser traumatischen Erfahrungen – Mit-scherlich nennt sie Trauerarbeit – findet erst allmählich statt.
Lesen Sie das gesamte Gespräch im Interviewband "Der eigene Ton", hg. von Axel Helbig.