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Sascha Heße
geb. 1976 in Magdeburg, Studium der Philosophie, lebt in Leipzig
Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag
Bewegungen des Zweifels. Philosophische Fragmente und Aphorismen, LLV 2006
Den Anker in die Luft werfen. Aphorismen, LLV 2008
Auf eigenen Händen. Aphorismen - Fragmente - Essays, LLV 2010
In Afrika sind die Buchstaben versteckt. Aphorismen, LLV 2011
Auf persönliche Anfrage hin sind außerdem zwei CDs mit Kompositionen von Sascha Heße erhältlich. Kontakt über den Verlag.
Stimmen
Philosophische
Versuche aus einem Leipziger Studierzimmer: Auf eigenen Händen
Ralf Julke, L-IZ vom 03.07.2010
In gar nicht so grauen Vorzeiten veröffentlichten Autoren, die neben ihrer Arbeit im Bergwerk der großen Stücke auch noch lauter kleine Einfälle hatten, so hübsche Sammelbücher, in denen die Lichtblitze, Scharaden und hübschen Einfälle gesammelt waren. Bei einigen gab es dergleichen auch erst posthum. Eine Freude für die Nachkommenden.
Aber wie ist das mit Sascha Heße, gerade einmal 34 Jahre alt? Wahlleipziger. Er hat hier Philosophie studiert. Ein Unding eigentlich. Man kann Philosophie nicht studieren. Es ist eines jener Blütenfächer, die aus der alten Artistenfakultät übrig geblieben sind, als Aristoteles noch Pflichtlektüre war und das Fach dazu diente, das klarere Denken, Sprechen und Argumentieren zu trainieren.
Eine Systematik der Philosophie gibt es nicht. Kann es nicht geben. Zu viele philosophische Schulen haben mittlerweile die Regale gefüllt - und für nicht gerade unauffällige Debatten in der Gelehrtenrepublik gesorgt. Zu erinnern sei nur an ein Buch, das der wohl berühmteste Leipziger Gelehrte genau vor 300 Jahren veröffentlichte: „Essai de Théodicée“. Da steckt Leibniz' Idee von der "besten aller Möglichen Welten" drin, über die sich Voltaire dann in "Candide oder Der Optimismus" (1758/59) so gnadenlos lustig machte. Auf seine eigene Art, wie man weiß: ein Kleinod, gespickt mit bitterstem Zynismus.
An Kant und seine Theorie der Aufklärung sei erinnert und an seine kritische Hinterfragung der Vernunft, an Hegels Legitimierung des preußischen Staates, an Nietzsches Vision des "Übermenschen" oder auch an Karl Marx, der auch am Leipziger Institut für Philosophie behandelt wird, als sei er - wie sein Lehrer Hegel - tatsächlich ein Philosoph. Jüngst erst fand ein Blockseminar "Zur Logik philosophischer Rede - die Systematik der Philosophie der Offenbarung und das Marxsche 'Kapital'" in der Regie von von Dr. Thomas Wendt statt.
Zumindest ist das ein erstaunlicher Ansatz, denn "Das Kapital" ist ja alles Mögliche - zuerst einmal Wirtschaftstheorie, zum nächsten aber auch soziale Analyse und Gesellschaftstheorie. Manchmal von biblischer Dimension. Aber gerade dieses Werk zeigt, wie das "Philosophieren" als Denk-Kunst in alle möglichen Erkenntnisbereiche hineinreicht und natürlich auch Welt-Haltungen bedingt. Welt-Anschauungen nennt es Marx an einem Punkt, an dem ihm schon schwant, dass "Entfremdung" ein Thema ist, dass sich allein auf Arbeit und Konsumieren nicht beschränken lässt.
Und da wird es schwierig für Philosophen. Und spannend zugleich. Dann natürlich reizt sie gerade das Komplizierte, das Ungesagte. Sie sind permanent auf der Suche nach einem Erklärungsschlüssel "für das alles". Was sie mit den Dichtern gemein haben. Und so verwundert es nicht, dass Sascha Heße in seinen "Aphorismen, Fragmenten, Essays" durchblicken lässt, was ihn gerade beschäftigt, was gerade vor ihm auf dem Tisch liegt oder was er in seinem Studierzimmer im Regal stehen hat. Bücher mit hübschen, bedenkenswerten Zitaten. Die Autoren stehen als Fußnote ganz friedlich unten auf den Seiten: Oscar Wilde, Max Horckheimer, Karl Jaspers, Friedrich Nietzsche, Blaise Pascal, Fjodor Dostojewski, Krishnamurti und Friedrich Hölderlin. Und so fort.
Man ahnt schon: Das geht wie Kraut und Rüben. Da spaziert einer zwischen den Buchseiten herum, ist manchmal forsch wie Georg Christoph Lichtenberg, zumeist aber eher ein bisschen vergrübelt wie Arthur Schopenhauer. Bei manchen Gedanken - etwa über die Tonkunst - grübelt er lange und versucht dem verblüfften Leser die Sache mit der Kunst, der Passion und der Nicht-Gegenständlichkeit zu erklären. Viel zu oft schimmern all die gestelzten Stile durch, mit denen auch heute noch Professoren versuchen, dem Gedöns über Belanglosigkeiten einen literarischen Anstrich zu verpassen. Zitate aus dem Phrasenberg: "Es ist nun offensichtlich ...", "Ein in betreff der Frage ...", "Ein Problem, das sich angesichts der angezeigten Sachverhalte stellt ..", "Das dem Menschen naheliegendste künstlerische Ausdrucksmedium ist die Poesie." - Quatsch. Wenn Philosophen anfangen, über "den Menschen" zu reden, wird es fast immer Bockmist.
Am lebendigsten und einfachsten ist auch Heße, wo er über sich selbst und sein eigenes Leben spricht. Da wird er anschaulich und irdisch: "Er rauchte nur, um spazieren zu gehen." Oder mal so: "Wein predigen und Wein trinken." - Denn eigentlich weiß auch Heße, auf welchen Kothurnen er läuft, wenn er sich auf die Kunst-Gebilde längst verstaubter Vor-Denker einlässt. Schon gar in dieser abwägenden, duldsamen Sprache der trockenen Gelehrten: "Es ist eine bedeutsame Frage, ob Musik als solche (...) etwas vermittelt, ob sie als Medium fungiert, das selbst außer- oder nicht-musikalisch ist."
Nö. Ist es nicht. Es ist sogar keksegal. Genauso keksegal wie ein Beamter, der freundlicher wird, wenn ich höflich Guten Tag sage. "Wer fühlen will, muss hören", schreibt Heße da, wo er die Sache mal auf den Punkt bringt. Was nicht heißt, dass die Kürze immer zur Klarheit führt. "Ein Genie ist nur, wer dazu verpflichtet ist, eines zu sein." Das ist wieder Käse. Genie verpflichtet zu gar nichts. Nur manchmal fällt's auf.
Und so macht der Leser, sofern er bei den langen Überlegungen nicht verzweifelt aufgibt, eine Schüttelpartie mit zwischen kleinen, funkelnden Einfällen, und viel Bombast um gar nicht so wichtige Gedanken. Dadurch, dass Gedanken auch schon vor Jahrhunderten gewälzt wurden, werden sie nicht wichtiger. Manchmal braucht es tatsächlich ein feinmaschiges Sieb, um das Hingedachte vom Treffenden zu scheiden. Immerhin ist es schon der dritte Band, den Sascha Heße so mit Einfällen gefüllt hat. Und wirklich nicht nur mit trockenen. Wie gesagt: Wo er der eigenen Wirklichkeit nahe kommt, da wird er zielgenauer. Da kommen dann solche Aphorismen wie dieser heraus: "Dein Kind lehrt dich, was es heißt, ein Mensch zu sein." Das erfährt so mancher junge Vater - und vergisst es nur zu schnell wieder.
Oder wie wäre es mit dem? - "Wir haben Kleingeld, doch nicht das Nötige?"
Und so wünschen wir dem mutigen Leipziger Philosophen ein feinmaschiges Sieb. Die Arbeit damit könnte sich lohnen.
