Zurück zur Autoren-Übersicht

 


Dieter Krause

geb. 1961, Studium der Fernmeldetechnik in Leipzig, Lyrik, Prosa, Hörspiel, Nachdichtungen, 1999 Amsterdam Arbeitsstipendium, lebt bei Dresden.

Dieter Krauses Gedichte sind dort am stärksten, wo sie eine augenblickhafte Lebendigkeit und Sinnlichkeit versprühen. Die strukturierte lyrische Sprache überrascht mit doppelbödigen Zeilensprüngen, mimetisch hergestellten Ambivalenzen, unverbrauchten Vergleichen und antinomisch mit den Inhalten verknüpften Wortschöpfungen. Am vorgefundenen Beispiel (Hölderlin, Kafka u.a.) orientiert, gaukelt Krauses Lyrik dem Leser nichts vor. Hier werden echte poetische Bilder evoziert, die das Gefühl wecken, dabeigewesen zu sein, in die Szene hineinversetzt zu werden ...

Veröffentlichung im Leipziger Literatur Verlag:

Farbkammern, Gedichte, LLV 2010

Stimmen zu "Farbkammern":

Seine Gedichte sind Collagen voller absichtlicher Stauchungen und Brüche und unangepasster Zitate und Wendungen. Ralf Julke, L-IZ vom 17.05.2010

"Hier spricht einer, der virtuos mit Sprache umzugehen weiß und ihr dennoch skeptisch begegnet. Aber auf der Suche nach Bildern für das, was nicht einfach so zu benennen ist, setzt hier eine beeindruckende Produktivität frei. Dieser Dichter schöpft aus einem riesigen Fundus." Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. 3. 2010

„Krause erzählt in einer gedrängten Sprache, in knappen Sätzen.“ Dresdner Neuste Nachrichten

 

Rezensionen

Gedichte als Arbeit in den Wort-Bergen
Ralf Julke, L-IZ vom 17.05.2010

Sprache ist etwas wunderbar Verführerisches. Man kann damit machen, was man will. Manchmal macht Sprache auch mit ihrem Sprecher, was sie will. Sie ist so fügsam. Scheint es. Aber der Schein trügt. Das merkt spätestens einer, der versucht, sie in ein Gedicht zu zwingen. Dieter Krause hat's versucht. "Farbkammern" heißt das Gedichtbändchen, das er jetzt im Leipziger Literaturverlag veröffentlicht hat. Ein Bändchen, wie es entsteht, wenn einer fleißig liest. Und man bekommt so eine Ahnung, wie das in Krauses Arbeitszimmer in Dresden so aussieht, wie sich die Gedichtbände und die Sammlungen drängeln in den Regalen, eifrig gespickt mit Merkzetteln und Lesezeichen. Er springt. Vom Tisch zum Regal. Er sucht und findet die Querverweise. Und er ist in der ganzen Poesiegeschichte unterwegs, erweist Michelangelo Buonarotti seine Ehrerbietung, Jan Skacel, Ted Hughes, Iggy Pop und Ovid.

Das hat Folgen. Bis in die Sprache hinein. Denn natürlich reichert sich das an. Bekannt ist Rilkes Scheu vor der Gewalt, die Bücher anderer Autoren ausüben können auf den eigenen Sprachfluss. Denn gute Literatur wirkt. Sie bringt auf neue Gedanken, erzeugt neue Bilder und Einsichten – oder malt mit den alten Farben neue Bilder. Literatur ist zu einem gut Teil Zitat, Anspielung, Spiel – mit Worten, Anklängen, Haltungen. Und wer zu spät geboren wurde, der hat Pech. Der hat – wie so mancher Mutlose – das Gefühl: Es ist alles schon gesagt und erzählt. Die großen Liebesgeschichten genauso wie die großen Heldenposen. Was bleibt, ist ein Jahrhundert der Demontagen und Entromantisierungen.

Auch Krause, 1961, ist ein Demontierer. Seine Gedichte sind Bauwerke – aus Stilen und Farben und Anklängen. Fast mit dem Wort wechselt er den Gestus. Ganz so, als misstraue er den üblichen Lyrismen, dem Eingänglichen durchkomponierter Verse sowieso. Selbst dann, wenn er sich mit den strengen Gedichten Buonarottis beschäftigt hat: "Satansziege frisst die Reifen der Vollendung an ..." Wer da erwartet, er würde jetzt die Satansziege beim Reifenfressen sehen, der irrt. Mit dem Versbruch bricht auch das Bild: "Namen wie Missionen stromauf zu den Dörfern". Und mit dem Bild bricht die Botschaft.

Ja, was will denn dieser Dichter uns damit sagen, der Verflixte? Wo will der hinaus? Lobt der jetzt seinen Michelangelo oder sucht er wenigstens einen Weg zu ihm? Auf seine Art schon: In den Ewigkeitsfresken hat die Ewigkeit so ihre Tücken. Risse bilden sich im Grund. Und die Risse? – "Offenbarungen der Gedankenkapellen / In jedem Vers ein Gegenende."

Da begegnen sich die beiden: im geschriebenen Widerspruch. Denn natürlich müssen Bilder sich nicht konsequent fortschreiben. Und nett und höflich muss ein Dichter nicht sein. Auch nicht im Gespräch mit seinem Leser, den er sich durchaus belesen wünschen kann und bereit zum mehrmaligen Kurswechsel in Vers und Gedicht. Das ist weniger Ansichtssache als eine Geduldsfrage. Denn wie liest sich ein Gedicht, wenn fortwährend der Rhythmus gewechselt wird, das Bild und das Sprachmaterial?

Selbst vor Worten aus trockenen, sachlichen Textbereichen fürchtet sich Krause nicht. Da hat der Leser was zu kauen. Oder langt immer wieder zum Lexikon, denn alles kann man ja nicht wissen. Manches stammt wie aus der Zeitung von gestern, dieses Strandgut des scheinbar Zeitgemäßen, das so schaumig an die Ufer der Elbe schwappt: Basecap, Ampelkreuzung, Pieptöne. Anderes hat die Patina der Jahrhunderte oder das Cineastischen des Filmzeitalters: Da gibt es Hitchcock-Vögel genauso wie das Wunderland oder Strandplateaus. Und immer das eigene Stolpern darüber, dass Worte in solchem Umfeld ganz schrecklich unzeitgemäß sein können.

"Ich gelangte zurück ins Gartendunkel / durch die Pforte das unübliche Wort ..." Das ist nicht ohne Sinn der Anfang eines Gedichts mit dem Titel "Avers der Lyrik". Da kann man gleich wieder im Lexikon nachschlagen: Was ist ein Avers? - Aber hier ist es stimmig. Auch deshalb, weil Krause mit dem Gedicht einen Versuch unternimmt, seine eigene Position zu bestimmen. Oder besser: diese kleine Verzweiflung, dass er mit Worten nicht so umgehen kann wie - ja, wie van Gogh. "Van Gogh hätte es wirklich erfasst / simultan die lebenden Fensterraster / in seinem räumlichen Regen."

Daran kann man tatsächlich verzweifeln. Zumindest, wenn man so zu dichten versucht, wie andere gemalt haben. Dabei fällt einem bei Krauses Stil eher nicht van Gogh ein. Sondern eher Max Ernst. Seine Gedichte sind Collagen voller absichtlicher Stauchungen und Brüche und unangepasster Zitate und Wendungen. Nicht alles in fass- oder lesbaren Farbtönen. Sie sind nicht Rot oder Purpur oder Gelb oder Grün. Die Kapitelfarben sind nur Schachteln. Der Inhalt ist konsequente Verweigerung: "Die Crux den Worten Deutungen zu geben / genau und ohne eine Festlegung zu treffen ..." ("Die Scheu der Gesichte")

Der Vers endet mit diesem Wort "sprachschüchtern", das einen Rezensenten einer gedruckten Zeitung animierte, den Dichter selbst für schüchtern zu erklären. So schüchtern ist das alles nicht, auch wenn es an die Grenzen des Sagbaren geht. Natürlich kann man "Sätze ... einnorden auf eingedrehtes Schweigen". Nur müsste man dazu eine neue Sprache erfinden, eine noch nicht benutzte. Denn wo der Dichter seine Worte nicht zwingt, Deutungen anzunehmen, wo er keine Festlegungen trifft wie all diese so versversessenen Zuchtmeister in den Klassikerbänden, ja, da sorgen die Worte mit all den ihnen nun anhaftenden Gebrauchsspuren selbst dafür, dass es passiert. Auch wenn es dann zwischen Zeitungs-, Fernseh- und Klassikerstil munter hin und her geht. Was dann einen Liebhaber der deutschen Sprache wieder freut: Man bekommt sie einfach nicht wieder blankpoliert und saubergewaschen in einem frischverpackten Versandzustand.

Die Worte sind - je öfter benutzt, um so stärker - mit Bedeutungen beladen. Manche Worte sind die Mahnmale ihrer selbst geworden. Nicht nur das Wort Pforte. Man könnte aus moderner Dichtung ein ganzes Vokabelwerk machen, in dem sie gewürdigt werden, weil selbst die Dichter nicht mehr sehen, wie ehrwürdig sie sind, all diese: festgezurrt, Waldgrund, Nüstern und Klippen, grobschlächtig und kubisch, innewohnen und umwallen.

Das Ergebnis: Texte mit Ecken, Kanten, scharfen Wendungen und einem gepflegten Arbeitscharakter. Der Dichter lässt nicht nur beim Arbeiten zuschauen. Er fordert auch vom Leser Arbeit am Wort-Werk. Das ist dann also Entscheidungssache, ob man noch eine Stunde Arbeit mit Dieter Krause dransetzt. Oder sich doch lieber umsäuseln lässt von Ovid oder Buonarotti.


 


Textprobe
aus: Farbkammern.

Zum Buch !