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Suzanne Latour

geb. 1964 in Hamburg, Studium der amerikanischen und spanischen Literatur, Dozentin, freie Autorin, lebt in Hamburg.

Auszeichnungen

1993 Hamburger Förderpreis für Literatur

1996 Bettina-von-Arnim-Preis

Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag

Spickerdeel. Roman, LLV 2009

Vincent Van Spickerdeel, Bürgermeister einer Hansestadt und Mann der Realitäten, engagiert trotz seiner Skrupel einen Magier zur Behebung eines Rattenproblems im Rathaus. Im Gegenzug verlangt der Magier – ein vagabundierender Zigeuner – Gastfreund-schaft im Haus des Bürgermeisters. Genau hier beginnt seine Gegenwart, Unheil zu stiften. Als der Zigeuner einer Gewalttat zum Opfer fällt, entspinnt sich ein schwerer
Konflikt zwischen Van Spickerdeel und seiner Frau, dessen Wurzeln bis zum Anfang ihrer Beziehung zurückreichen: Was wie eine Kriminalerzählung mit satirischen Untertönen beginnt, entwickelt sich im Fortgang des Romans zu einer Parabel um Ehrgeiz, Wahn und Leidenschaft – und die zerstörerische Gewalt der Liebe.

Weitere Veröffentlichungen

Die polnische Braut

Baker Street

Eines Sommers im August

Stimmen zu "Spickerdeel"

"Das ist Erzählkunst vom Feinsten, fein ausbalanciert, zum Mitfiebern..." Ralf Julke, L-IZ

"Hochspannende, bewegende Lektüre, mit Meisterschaft erzählt." Dagmar Bode, Wochenblatt Waiblingen

Rezensionen

Tristan und Isolde im hohen Norden: Suzanne Latours "Spickerdeel"
Ralf Julke, L-IZ vom 11.01.2010

"Spickerdeel" ist wieder so ein Buch aus dem Leipziger Literaturverlag, bei dem Coverbild und Broschürendruck täuschen über das, was drin steckt. Auch wenn das Bild von der Autorin Suzanne Latour selbst in Holz geschnitten wurde: zwei Marionetten, eine tote Schöne. Selbst der Name täuscht, auch wenn er schon Assoziationen wachruft. Denn Vincent van Spickerdeel ist nur scheinbar der Held. Und es ist auch keine Saga oder große hanseatische Familiengeschichte, auch wenn die Mann-Stadt Lübeck einer der beiden wichtigen Schauplätze ist. Hanseatisch geht es schon zu. Und der Stil, mit dem die 1964 geborene Autorin aus Hamburg erzählt, ist ein großer, ehrwürdiger. Sie schreibt ganz in der Tradition eines Theodor Storm, mit viel Überlegung, viel Stimmung und einer dichten, anheimelnden Atmosphäre. Auch Antonio, der Zigeuner mit den magischen Kräften, ist nicht der Held, auch wenn anfangs alles darauf hindeutet, als Spickerdeel, Anwalt und seit Kurzem Bürgermeister der Stadt, ihn engagiert, um das Rattenproblem im Rathaus zu lösen. Oha, denkt der Leser: Dahin hüpft der Hase! Jetzt gibt's eine stimmungsgeladene Variante vom Rattenfänger zu Lübeck.

Und geht wieder fehl. Und steckt schon mittendrin in der eigentlichen Geschichte, die nichts anderes ist als die Geschichte einer faszinierenden Frau und einer großen Liebe irgendwann – ja, wann eigentlich? – Einige Daten im Buch lassen vermuten, es sollten die 80er Jahre sein. Doch so wie Latour erzählt und die Kulissen aufbaut, fühlt man sich viel tiefer in die Zeit zurückversetzt. Die 1950er, 1960er Jahren passen eher auch zur Gelassenheit der Figuren, zum Fehlen der üblichen Störgeräusche der Gegenwart, auch zur Armut, die da und dort sichtbar wird. Und zur Sprache der Figuren erst recht, die dem großen Vorbild Theodor Storm so nah ist, dass man fast den "Schimmelreiter" parallel lesen möchte. Eine Sprache, die immer etwas Anderes mitschwingen lässt. Das Unausgesprochene, aus dem die großen Gemütsdramen entstehen.

Und natürlich kann die Liebe Spickerdeels zu der jungen, faszinierenden Kapitänstochter Isolde nicht gut ausgehen. Nur weiß man noch nicht weshalb, auch wenn man mit Spickerdeel die spannende Entwicklung dieser Liebe erleben darf, eigentlich eine Novelle im Buch, die ganz für sich allein stehen kann – und vielleicht wäre es sogar gut gewesen, sie allein zu veröffentlichen: Das ist Erzählkunst vom Feinsten, fein ausbalanciert, zum Mitfiebern – bekommt Spickerdeel die rauhe Schöne? Lässt sie das zu? Lässt sich dieses eigensinnige Mädchen binden? – Früh schon schwingen auch die Sagenmotive mit, die man teilweise von Storm kennt. Es wispert von Meerhexen und ein großes Verhängnis gibt es auch, in dem sich die Schicksale Isoldes und ihres Vaters verspinnen. Und Unausgesprochenes bleibt: Das sagt Isolde ihrem Verehrer früh ins Gesicht. Er weiß, worauf er sich einlässt – und dass diese Liebe nie sicher sein wird. Dass er sie verlieren kann – er weiß nur noch nicht wie.

Auch da verwirrt der Klappentext: Nein, Ehrgeiz, Wahn und Leidenschaft spielen dabei keine Rolle. Und Antonio, der Zigeuner, ist auch nur der unschuldige Auslöser, der dann auch noch unter mysteriösen Umständen verschwindet. Freilich nicht ohne in Spickerdeel – nachdem der ihm seinen letzten Wunsch ausgeschlagen hat – die Saat des Zweifels zu säen. Zweifel an seiner Isolde. Und ehe Spickerdeel es begreift, hat er genau die Worte gesagt, die er nie hätte sagen dürfen. Nur: Er kann dann nichts mehr tun. Denn dieses Märchen ist ein irdisches Märchen. Vielleicht auch ein sehr weibliches, denn Isolde ist wohl Vieles von dem, was sich Frauen vom Geliebtwerden erwarten – in aller Perfektion. Natürlich fasziniert das Männer. Nur die Kehrseite aller Perfektion ist das Kämmerlein, in das Isolde auch ihren geliebten Anwalt nicht hineinschauen lassen will. Ein Kämmerlein voller Staub und Spinnweben? – Eher nicht: Eher das Kämmerlein der großen Angst vor dem Tag, an dem der Geliebte zweifeln wird.

Argwohn ist ein böses Gift. Und erlösen kann Spickerdeel seine geliebte Isolde nicht mehr: Auch das sind klug und einfühlsam erzählte Szenen, die sich mit dem Finale des Schimmelreiters durchaus messen lassen können. – Man braucht nur Geduld, um dahin zu kommen. Und eine dicke Packung Taschentücher. Das ist selten geworden heutzutage, dass man mit einem so spröden Helden so mitleiden kann bis zum Schluss. Aber dann weiß man auch, dass weder der "Rattenfänger" noch "Pole Poppenspäler" die eigentlich verwandten Geschichten sind, sondern die alte Sage von Tristan und Isolde. Vielleicht hieß die Novelle auch mal so, bevor Suzanne Latour die verwirrende Kulisse aufgebaut hat, hinter der sich ein Stück richtig guter Novellen-Kunst versteckt. Man möchte den Verlag fast bitten, hier die große Schere anzusetzen, die Bleiwüsten aufzulockern und einem deutlich schmaleren Buch einen festeren Einband und eine treffendere Gestaltung zu geben. Denn so wird es die Geschichte schwer haben, zu den Lesen zu finden. Obwohl sie es verdient hat.



 

 


Textprobe
aus: Spickerdeel

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