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Margret Millischer
geb. 1957, Studium der Romanistik und Kunstgeschichte sowie Übersetzen und Dolmetschen an der Universität Wien und der ESIT in Paris, seitdem Tätigkeit als Übersetzerin, Dissertation über „Die Rezeption Lou Andreas-Salomés in Italien“, Lehrbeauftragte am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien
Übersetzung des jährlich erscheinenden „Austria Film Katalogs“, Mitarbeit an der Publikation zum „Monat der Photographie“, Zusammenarbeit mit der Autorin Gemma Salem, u. a. Übersetzung ihres im Vorjahr in Wien aufgeführten Theaterstücks „Dramuscules viennoises/ Wiener Dramolette“. Derzeit Arbeit an dem Erstlingsroman des belgischen Autors Grégoire Polet „Madrid ne dort pas/Madrid schläft nicht“.
Übersetzung im Leipziger Literaturverlag
Jean-Michel Maulpoix, Eine Geschichte vom Blau, LLV 2009
Jean-Michel
Maulpoix, Kommentar zu "Briefe an einen jungen Dichter"
von Rainer Maria Rilke, LLV 2010
Maulpoix
kommentiert Rilke: Du musst dein Leben - hmm - annehmen!
Ralf Julke, L-IZ vom 12.03.2010
Jean-Michel Maulpoix ist etwas, was eigentlich nach klassischem Verständnis schwer unter einen Hut zu bekommen ist: Dichter, Literaturwissenschaftler und Dozent. Er unterrichtet an der Universität Paris X in Nanterre. Zeitgenössische Lyrik ist sein Steckenpferd. Da gehört dann auch Rilke dazu. Genau dieser Bursche, für den Einsamkeit und ein mönchisches Leben die Grundlagen allen Dichtens sind. Und Dichten eine Art, Welt zu erfassen, das Leben zu bewältigen. Was Rilke für Generationen von jungen Leuten natürlich interessant gemacht hat. Als Wegbegleiter, Gesprächspartner in Situationen, in denen es gilt, wieder mit sich ins Reine zu kommen. Denn Leben ist kompliziert. Nicht nur das in Gottes schöner Welt, auch das in den hektischen Städten der Moderne. Darüber hat ja Rilke seinen Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910) geschrieben, der nur so gespickt ist mit Querverweisen auf den 1880 erschienen Roman "Niels Lyhne" von Jens Peter Jacobsen, einem dänischen Autoren. Zwei Versuche, die Individualität des Menschen zu beschreiben in einer Welt, in der die Wegmarken immer flüchtiger werden.
Für Rilke war das große Schreckenserlebnis: Paris. 1902/1903. Das spielt hier nicht ohne Grund eine Rolle, denn in dieser Zeit schrieb Rilke auch seine Briefe an Franz Xaver Kappus, die "Briefe an einen jungen Dichter". Sie erschienen - von Kappus selbst herausgegeben - 1929, nach Rilkes Tod. Und sie bilden ein für sich stehendes Buch, das immer wieder neue Auflagen erlebt, weil Rilke zwar auch über Dichtung schreibt, aber auch über die Lebensfragen, die einen so beschäftigen, wenn man nicht mehr ganz so jung und naiv ist. Maulpoix ist nicht der erste, der den Dialog mit dem nicht wirklich viel jüngeren Kappus als eine Art Selbstverständigung des schon bekannteren Dichters beschreibt. Und so nebenbei auch zu dem Fazit kommt, dass Rilke dem Jüngeren im Grunde nur einen Rat gibt (auch wenn er sich elegant bemüht, dem Briefpartner, der mit seiner beginnenden Offizierslaufbahn nicht ganz so glücklich ist, gar keine Ratschläge zu geben): Nimm dein Leben an. Aber das hätte er vielleicht im E-Mail-Zeitalter so kurz gefasst. Doch weil Rilke selbst das Briefeschreiben als schöpferische Arbeit betrachtete, bekam Kappus eine Menge Papier geschickt, auf dem Rilke seine Gedanken zu dem erörterte, was im Grunde die Eckdaten seines Lebens und seiner Dichtung ausmachte.
Und Maulpoix genießt es sichtlich, den Motiven nachzugehen. Rilkes Beziehung zum Göttlichen, zur Armut, zur Hingabe, selbst zur Mutterschaft. Das kommt ja alles vor bei Rilke. Und zwischen 1903 und 1908, dem Zeitraum, in dem die Briefe geschrieben wurden, veränderte sich die Motivwahl nicht wesentlich - wurde nur deutlicher, inniger möchte man sagen. Man kann fast zuschauen, wie wesentliche Motive reifen, wie Rilke seine Begegnung mit dem Bildhauer Rodin und der Katastrophe Paris sich ausformen zu Rilkes Versuch, eine eigene Sprache zu entwickeln und eine eigene Selbstvergewisserung zu finden. Das berührt Maulpoix nur. Aber es ist die Essenz: Wie kann einer noch schreiben, wenn die Welt zu rasen begonnen hat und der Einzelne aus seinen Zusammenhängen gerissen wird? - Sieben Jahre brauchte Rilke, um das verstörende Erlebnis Paris im "Malte Laurids Brigge" zu verarbeiten - genauso bruchstückhaft und fragmentarisch, wie er es erlebt hat. Maulpoix nimmt ihm die Verstörung am gerühmten Paris auch nicht krumm. Er kennt das ja selbst. In "Eine Geschichte vom Blau" sucht er auf seine Weise den Einklang mit den unfassbaren Facetten des Vorgefundenen. Und im "Geistschreiber" wühlt er in der nicht wirklich einfachen Berufsbeschreibung des Schriftstellers, der spätestens dann, wenn er mit der Feder am Schreibtisch sitzt, höllisch allein gelassen ist mit sich und der Welt.
Dann mach mal was draus. Übrigens: Auch da formt sich dieser vage, aber richtige Gedanke: Schreiben kann einer nur wirklich gut, wenn er im Einklang ist mit seinem Tun. Was alle zermürbenden Widersprüche und Selbstzweifel einschließt. Rilke ging es nicht besser. Er hat sich immer wieder seine Ruheorte gesucht - und hat sie fluchtartig verlassen. Denn einer wie er trägt die Unruhe im eigenen Kopf. Der findet zwar Paris verstörend und erschreckend - aber Paris ist im Grunde ein sehr gutes Außenbild für das, was Rilke zeitlebens in seinem Schreiben zu bändigen versuchte, umzuformen versuchte in ein mönchisches Leben und den großen Glanz von innen.
Der Leipziger Literaturverlag hat Jean-Michel Maulpoix' Kommentar zu Rilkes "Briefe an einen jungen Dichter" mit eben jenen Briefen in einem Bändchen zusammengetan und auch das umfangreiche Glossar beibehalten, mit dem Maulpoix seine Thesen und Interpretationsansätze begründet. Das sind in weiten Teilen französische Quellen. Rilke hat in Frankreich augenscheinlich eine große und interpretationsfreudige Anhängerschaft. Und augenscheinlich auch viele junge Leser, die immer wieder aufs neue die Briefe an den jungen Kappus für sich entdecken. Auch dann, wenn sie wohl wie Kappus niemals ernsthaft beginnen, den Weg des Dichters einzuschlagen. Aber diese sehr nachdenkliche Nahtstelle, mit der sich Rilke gerade in diesen Briefen beschäftigt - zwischen der Wirklichkeit und dem Anspruch an das eigene Leben - die scheint bis heute immer wieder junge Leute zu interessieren. Vielleicht auch nur, um eines Tages das zerlesene Exemplar von den "Briefen an einen jungen Dichter" ins hinterste Regal zu verbannen und für sich zu beschließen: Das ist mir jetzt zu anstrengend. Ich gründe lieber eine Familie. Oder was man halt noch so tut, wenn man keine "Duineser Elegien" schreiben will. Oder kann.
Gedichte,
die man in Blau einbinden sollte: Eine Geschichte vom Blau
Ralf
Julke, Lizzy, 28.02.2009
Soll keiner sagen, es gäbe in deutschen Landen keine Bücher mehr, die sich zu lesen lohnte. Auch wenn sie auf keiner Bestsellerliste und keiner hiesigen Preisträgerbühne auftauchen. Einige davon werden in der Brockhausstraße in Schleußig verlegt. Wie Jean-Michel Maulpoix' "Eine Geschichte vom Blau". Übersetzt von Margret Millischer, das muss vorweg gesagt werden. Ohne die Fleißarbeit begabter Übersetzer würde man zwischen Rhein und Oder nicht wirklich allzu viel erfahren über die großen literarischen Strömungen in der Welt. Und über die Begnadeten da in unseren Nachbarländern. Eine Tauchnitz-Edition, die die besten Stücke der aktuellen Weltliteratur auch in Deutschland zugänglich macht, gibt es ja nicht mehr. Und auch in der gern sich selbst ernennenden Elite ist ein gut Teil der Debattanten schon mit Denglisch überfordert – und streckt bei Französisch schon die Waffen. Griechisch und Latein gehören schon längst nicht mehr zum Repertoire. Das Bildungsbürgertum ist mausetot. Es lebe: Rilke. Der hat noch in zwei Sprachen gedichtet. Und er hat einst in einem hinsinnierten Nebensatz geäußert: "Es ließe sich denken, dass jemand eine Monographie des Blau schriebe." Das steht denn auch als Motto im Buch. Aber der 1952 geborene Jean-Michel Maulpoix hat zum Glück nicht wirklich eine Monographie dieser Farbe geschrieben. Maulpoix ist nicht nur Literaturprofessor und gibt die quartalsweise erscheinende Literaturzeitschrift "Le Nouveau Recueil" (Die neue Sammlung, für Romantiker unter den Lesern: Die neue Blütenlese) heraus, er schreibt und veröffentlicht auch seit Jahren regelmäßig Essays und Lyrik. Und da wäre man bei der Geschichte des Blau, mit der ein faszinierendes Stück französischer Gegenwartslyrik einmal wieder die Sprachschranke überspringen darf. Und siehe da: Baudelaire lebt. Oder besser: Der große Atem seiner Lyrik lebt fort, das, was er selbst nach den "Blumen des Bösen" dem Leser eigentlich vorenthielt – die Ernüchterung nach dem Rausch. Mancher kennt ja den 1821 Geborenen nur als alter ego zu Edgar Allen Poe mit seinem tiefen Pessimismus, seiner selbst im Foto unübersehbaren Melancholie und dem unerbittlichen Hang zu Drogen und Alkohol, den beiden Hauptgründen für seinen frühen Tod. Seine Bildgewalt wirkt bis heute. Und wer eine Farbe nennen sollte für die Ertrunkenen und die die nassen Friedhöfe in seinen skurrilen Balladen, der wird schnell auf ein dunkles, fast schwarzes Blau kommen. Melancholisch ist auch Maulpoix. Und auch bei ihm spielt das Meer eine unübersehbare Rolle. Auch über die Tode in den nassen Fluten schreibt er. Ein ganzes Kapitel widmet er den "Verschiedenen Todesarten", die fast sämtlich nass sind. Doch es ist das Vorletzte von insgesamt neun Kapiteln, von denen jedes einzelne eine neue Erkundung ist. Nicht nur der Farbe Blau, auch wenn sie i allen Schattierungen und Stimmungen die Texte durchzieht, die eine vage Balance halten zwischen Prosa und Gesang, manchmal den hymnischen Ton Walt Whitmans aufnehmen, manchmal an die kurzen Prosastücke von Ritsos erinnern. Und damit natürlich auch daran, das es auch in der Lyrik Strömungen gibt, die nicht einfach abbrechen, bloß weil in irgendeiner Pariser Kneipe ein paar junge Burschen ein Manifest schreiben und eine neue Mode deklarieren. Trotzdem fallen Kritiker aller Fachrichtungen gern auf solche Manifeste herein und negieren fortan alles, was nicht in die erwählte Schule passt. Da vergisst man auch gern das Sensorium für gelungene Texte. Texte, die sich auftun wie kleine Aquarellbilder und in hingetuschten Strichen eine Landschaft zeigen – mal wolkenverhangen, mal herbstlich trübe, mal geschwängert von nahenden Unwetterfronten, mal auch klar und groß wie nach einem heftigen Sommerregen. Himmel und Meer spielen ihre Hauptrollen in Maulpoix Texten, in denen es nur nebenbei tatsächlich um die Farbe Blau geht, sondern so komplizierte Dinge wie Liebe, Trauer, Sehnsucht und Hoffnung. Den ganzen Gefühlsballast, mit dem sich jeder durch sein Leben schiebt. Die einen bedrücken oder auch daran erinnern, dass Leben tatsächlich ein Strandgut ist. Genauso vergänglich wie der heutige Tag. Doch das letzte Kapitel heißt dann: "Letzte Nachrichten von der Liebe". Liebe, die natürlich vergänglich ist und zuweilen auch in Schiffbrüchen endet, in Trauer und Verlust. Oder in der Erinnerung an das Blau einer Schleife, eines Blickes, eines Himmels. Der Verlag hat Hermine von Jandas "Himmel und Meer" als Coverbild gewählt. Es hätte auch Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" sein können oder Monets "Felspyramide von Port-Coton bei rauer See". Fast hätte man sich sogar einen festen Einband und ein blaues Lesebändchen gewünscht. Denn es ist tatsächlich Lyrik zum Eintauchen, zum Drinbaden und Treibenlassen. Eine fragmentarische Annäherung an das große Werden und Vergehen, wie es uns täglich umtost. Auch wenn sich nicht viele die Zeit und die Muße gönnen, dem großen Rauschen zuzuhören und zu widerstrebend zu akzeptieren, dass am Ende alles dem Meer gehört. Uns Menschen gehören nur der Tag und das Blau.
Mit einem schmalen, zweisprachigen Band beschert der junge Verlag Erata
dem deutschsprachigen Publikum die Begegnung mit einem erstrangigen Werk
der zeitgenössischen französischen Lyrik. Eine Geschichte vom Blau hatte
schon Rilke als denkbares Unterfangen erklärt. Dieses Zitat steht gemeinsam
mit einer Augustinus-Stelle am Beginn des Buches und gibt den hohen Anspruch
des Werkes an.
Bald wird der aufmerksame Leser gewahr, dass „Geschichte“ hier sehr wörtlich
zu nehmen ist, und zwar in doppeltem Sinn: Erstens liegen dem Text so durchgängige
Stränge zugrunde, dass man fast von einer Handlung sprechen könnte, einer
freilich, die in keinen anderen Worten nachgezeichnet werden könnte. Zum
anderen reflektieren die einzelnen Abschnitte immer wieder die gegenwärtige
conditio humana kontrastiv in der Tradition der europäischen Geistes-
und Kulturgeschichte. Die Anklänge an diese sind so zahlreich, die Motive
so dicht geknüpft, dass es fast müßig erscheint, einzelne hervorzuheben.
Dennoch seien zwei erwähnt, die sich besonders sinnlich einprägen, ohne
je expliziert zu werden: Das Blau von Yves Klein erscheint physisch vor
den Augen des Lesers, und mehr noch entsteht immer wieder ein mediterranes
Azur, wie wir es aus den späten Bildern von Henri Matisse kennen (faszinierend
dabei, wie deutlich unterschieden auch atlantisches Meeresblau zu fühlen
ist – immer ganz ohne nomenklatorische Hilfestellung).
Belassen wir es bei diesen willkürlich aus der Textur hervorgehobenen, ganz
persönlichen Assoziationen. Ansonsten erklärt die Schrift sich unentwegt
aus sich selbst, ohne dass diese Selbstreferentialität je die Welthaltigkeit
des Geschriebenen beschädigte.
Maulpoix ist neben seinem lyrischen Schaffen als Verleger, Kritiker, Herausgeber
tätig, und lehrt Literatur an der Universität Paris-Nanterre. Obwohl das
lyrische Ich sich an einer Stelle als „Papiermensch“ bezeichnet: Die enorme
Versiertheit des Autors führt nie zu akademischer Selbstzufriedenheit. Er
nützt diesen riesigen kulturellen Apparat, den er sich immer wieder neu
und kritisch aneignet, zu einer Wirklichkeitserfahrung, in der persönlicher
Ausdruck und allgemeine Idee in einer alles vermittelnden Musikalität aufgehoben
sind.
Dem deutschsprachigen Leser ist die sehr genaue, unprätenziöse Übersetzung
von Margret Millischer eine zuverlässige Hilfe, sich diesem wunderbaren
Text zu nähern. Die weitgehende Präzision der Übertragung lässt es, so ganz
nebenbei, als sehr empfehlenswert erscheinen, die zweisprachige Lektüre
dieses Textes zur Perfektion der eigenen Sprachkenntnisse zu betreiben …Fazit:
Der Inhalt? Ganz einfach: Gott und die Welt, das Leben und der Tod. Und,
dass angesichts des Todes eben nicht alles sinnlos sei… Thomas
Leitner, Romanist und Inhaber der französischen Buchhandlung „Bateau Livre“,
01 / 2009
Wie ein Liebesappell klingt der Gesang des Meeres, wenn der Dichter seine
Feder ins Tintenfass taucht. Das Meer spiegelt sich in seinem Blick, wenn
er blaue Zeichen auf das Blatt setzt, das offen vor ihm liegt. «Blau ist
die Farbe des Blicks, des Inneren von Seele und Denken, Erwartung, Träumerei
und Schlaf », schreibt Jean-Michel Maulpoix, der alle Blauschattierungen
von ganz hell bis ganz dunkel beleuchtet, denn wie die Farbe des Himmels
kann das Blau in Erwartung einer Begegnung von Licht erfüllt oder im Gegenteil
Schwarz getönt sein, wenn der Dichter den „Blues“ verspürt und „Verschiedene
Todesarten“ in Betracht zieht. Der Titel der Gedichtsammlung geht auf Rilke
zurück, der eingangs zitiert wird: «Es ließe sich denken, dass jemand eine
Monographie des Blau schriebe», wobei «Monographie» in der französischen
Ausgabe von 1992 mit «Geschichte» übersetzt wurde. Der beachtlichen Arbeit
von Margret Millischer von der Universität Wien ist es zu verdanken, dass
Jean-Michel Maulpoix nun auch für deutschsprachige Leser in der zweisprachigen
Ausgabe von Eine Geschichte vom Blau im Erata Literaturverlag-Leipzig
zugänglich ist. Die Aufgabe der Übersetzerin war alles andere als einfach,
denn wie konnten die ständigen Wortspiele mit der weiblichen Form des Wortes,
mit dem im Französischen das Meer bezeichnet wird („la mer“), wiedergegeben
werden? Das Meer ist eine Frau, die kommt und sich zurückzieht, die den
Dichter fasziniert, verführt, umarmt, aber gleichzeitig auch die Sprache,
die blaue Sprache der Worte, die das Herz des Dichters erfüllt. Dort, wo
im Deutschen also „Sie“ steht, darf man nicht nur die Frau, sondern auch
die Sprache und das Meer/die See sehen: «Sie wartet, sie ist da. Treu und
nahe, tief und blau». Jean-Michel Maulpoix ist der Autor eines umfangreichen
– dichterischen und kritischen – Werkes, er ist der Begründer einer „kritischen
Lyrik“, die mit der Gründung der Zeitschrift Recueil im Jahr 1984 bekannt
wurde, welche zehn Jahre später in Le Nouveau Recueil umbenannt wurde und
nun im Internet zugänglich ist. Maulpoix hat dem Gesang, der durch den Strukturalismus
bedroht schien, seine ganze Kraft zurückgegeben und die Lyrik wieder aufgewertet,
wobei er diese jedoch gleichzeitig in den Gedichten selbst in Frage stellt.
Die Lyrik der Geschichte vom Blau ist folglich eine meditative Lyrik, die
sich niemals zu einer naiven Weltsicht hinreißen lässt, sondern im Gegenteil
um deren Endlichkeit weiß. In einer Monographie des Blau ist der Tod unweigerlich
präsent, denn das Meer kennt den Tod ganz genau: «Den Verstorbenen bringt
es die gleiche traurige Zuneigung entgegen wie alte kinderlose Frauen den
Nachbarskindern». Die kritische Lyrik ist primär eine in die Krise geratene
Lyrik, die sich dessen bewusst ist, doch in den Gedichten von Jean-Michel
Maulpoix der Sprache und der Liebe vertraut, um die Krise, wenn schon nicht
zu überwinden, so doch in ihr zu leben, mit allen Farbnuancen des Blau,
und ohne die Schwierigkeit außer acht zu lassen, was es heißt, „in Zeiten
der Bedrängnis“ Dichter zu sein. Chantal Colomb-Guillaume,
Gastprofessorin Universität Trier, 01 / 2009
