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Ilona Schlott

geb. 1953, Studium der Germanistik und Slawistik, Gesangstudium, Konzerte mit eigenen Texten
und Liedern, Rundfunk- und Fernseproduktionen, Gastspiele mit Jiddischen Liedern in Polen,
der Schweiz und den USA, lebt und arbeitet in Leipzig.

Preis:

Förderpreis der GEMA für Textschaffende

Veröffentlichungen:

Lieder, Harth Musik Verlag 1989/90

Küchenkakophonie, Verlag Neue Musik 1993

ZooMusik - MusikZoo, kreuzbergrecords 1996

Chanson in der DDR, duo phon 1999

Sol sajn, Büchergilde 2009

Inskriptionen No. 2: paranoia, pink, Erata 2009

Steißvogel, Prosa, LLV 2010

Kurze und eigenwillige Texte zwischen Leichtigkeit und Gewicht, melancholischer Betrachtung und skurrilem Humor. Scharfe Analyse und liebevoller Blick zugleich. Immer im Auge behaltend, daß Leben Detail ist, was beachtet werden will, soll das Ganze gelingen.

"Ich bin nicht bekifft, ich bin immer so. Ich laufe schon ein Leben lang herum, als hätte ich eine LUPE vor der Linse. Als wäre ich mit dem Keplerschen Fernrohr im Kepele schon auf die Welt gekommen. So daß ich jede Seattlemaus für einen Dinosaurier der Neuzeit halte ..."

Stimmen zu "Steißvogel"

Mit offenen Augen und Freude am Selber-Sein: Ilona Schlotts "Steißvogel"
Ralf Julke, L-IZ vom 25.03.2010

Ihre Stärke sind die kurzen Texte. Mit jiddischen Liedern geht sie auf Tour. Aber mit Leib und Seele ist die 56-Jährige Ilona Schlott in Leipzig zu Hause. Jetzt hat sie eine Sammlung kleiner Texte unter deftigem Titel veröffentlicht: Steißvogel. Der Leipziger Literaturverlag hat die Texte – mit Zeichnungen von Käthe Bauer – in die Reihe "neue prosa" gepackt, in der – anders als in anderen derart benannten Editionen – nicht die unfertigen Werkstücke noch unfertiger Neu-Autoren veröffentlicht werden. Und Ilona Schlott versucht auch nicht das Experiment mit Sprache oder Stil oder montierten Sinn-Elementen. Sie schreibt einfach auf, was sie sieht, erlebt, denkt, fühlt. Und das ist nicht immer auf Linie.

Auf jener üblichen Linie, die Schönheit, Liebe und Lebensfreude den 18-Jährigen vorbehält. Lebenslust und das Bekenntnis zum Seitensprung sowieso. Darf man noch seitenspringen, wenn die Rundungen sich runden und die Fältchen verräterisch werden? Nach grünen Wiesen schielen, unbehelligten Plätzchen im Wald oder Mannsbildern, mit denen sich noch ein schöner Abend oder schöner Morgen verbringen lässt? Bei allem emanzipierten Anstand der neuen Zeit: Die übliche Literatur belegt eigentlich ein "Nein". Hinter allem Plagiat und Abschreiben bei Anderen und Älteren, die vielleicht etwas erlebt haben könnten, ist die ach so emanzipierte neuere Schreibschule prüde, geradezu verklemmt, reißt die Klappe auf und spielt erfahrenes Luder, wühlt in Feuchtgebieten.

Nur wirklich leben und erleben – davor scheuen sich Viele der Gelobpreisten nachlesbar. Da kann man in die wildesten Orgien gehen und genüsslich darüber reden – nur eines fehlt: der Mut, sich einzulassen. Die körperliche Nähe muss die Gefühlsnähe ersetzen. Und die Flirt-Kanäle wimmeln von Suchenden und Hoffenden und Ungetrösteten. Denn vor der Nähe zum Anderen ("Einer schöner als der andere. Viel Trost auf einem Haufen.") steht die Nähe zu sich selbst. Was in der Regel eine gehörige Portion Humor voraussetzt. Wer würde die eigenen Schwächen und Befindlichkeiten nicht besser kennen – als eine oder einer selbst? Die kleinen Sünden, die kleinen bösen Gedanken? Die kleinen und großen Lüste?

Der Mensch ist ja nur ganz äußerlich ein normiertes Wesen. Er passt sich ein in Sitten und Gepflogenheiten, nimmt Rücksicht und achtet die meisten Gesetze und Kulturnormen. So ungefähr. Wer seinem Leben eine eigene Note geben will, der hüpft auch schon einmal über die unsichtbaren Linien. "Man trägt wieder Hintern, was für ein Anblick, ich lauf hinterher, ich lauf wohl nicht rund ..." Manchmal ergeben sich die Worte von allein, gewinnen die Sätze von selbst eine Melodie. Man merkt: Die Dichterin ist auch Sängerin. Sie hat einen musikalischen Blick für die Welt. Und genießt das. Beim Umherschlendern oder beim Männer-Einfangen. Es soll sie noch geben. "Die Männer sind züchtiger geworden, oder ich älter." Sie genießt den Frühling, den Spätsommer und den Kürbis-Herbst. Man merkt: Ihre Texte fallen ihr ein – beim Spazierengehen, Katzenbeobachten, Über-Nachbarn-Ärgern oder beim Nackt-in-der-Wohnung-Stolzieren. Das Leben steckt voller Möglichkeiten, Verführungen und Verrücktheiten. Und keine davon ist überzogen oder erfunden. Natürlich hat die Dichterin einen "Spleen", wie das früher einmal hieß, als Dichter noch Baudelaire hießen und stolz darauf waren, ein wenig närrischer zu sein als die Kommentarspalte der Zeitung.

Das hat sich sehr geändert. Die sexuelle Revolution hat ihre Hüllen fallen lassen und ihre Kinder gefressen. Und das Ergebnis sind arrogante Hungerkünstlerinnen an den Plakatsäulen. Der Rest der züchtigen Gesellschaft ist prüder als Großmutter Hilda. Da ist es mutig, tatsächlich auch "ich" zu meinen, wenn eine "ich" schreibt. Ilone Schlott tut es. Mit Lust. Manchmal mit Wonne. Immer mit listigem Blick auf die eigenen Verrücktheiten und reichen Gaben des Augenblicks. "Immer häufiger Anzeichen, die Beine in die Hand zu nehmen und den Mund zu halten." Man sieht: Auch der Steißvogel kann nicht so derb gemeint sein, wie er klingt. Eine Sammlung der Zufälligkeiten. Das, was ein Leben ausmacht, wenn man nur die Augen und die Ohren auftut und die Sinne öffnet: "Wenn die Dinge nicht mehr zu mir sprechen, werd ich stumm. Wie traurig."



 

 


Textprobe
aus: Steißvogel.

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