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C.K. Williams

geb. 1936 Newmark (New Jersey), Literaturprofessor und Dichter, begann mit Protestgedichten gegen den Vietnamkrieg und gegen soziale Mißstände, gewann in Folge renommierte Literaturpreise: u.a. Ruth Lilly Poetry Prize (2005), National Book Award (2003), Pulitzer Prize for Poetry (2000)

Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag

Von nun an. Gedichte, aus dem Englischen von Walter Thümler, LLV 2010

Das Amerika des Vietnamkrieges, der Rassenunruhen, des Irak-Krieges und globalen Anspruchsdenkens – Williams blickt genau auf die politische Wirklichkeit und gilt, als wichtige gesellschaftskritische Stimme mehrfach ausgezeichnet, in den Vereinigten Staaten als one of the most distinguished poets of his generation (Paul Muldoon). Der vorliegende Band enthält eine erlesene Übersicht seines Werkes. Eingebettet im dichten Gewebe alltäglicher Beobachtungen zeigt Williams auf offene Wunden menschlichen Leids. Seine Gedichte stellen immer wieder die Frage nach der Menschlichkeit in einer rationalisierten und technischen Welt. Sie sind Brücken und Wege zu Zuversicht und Vertrauen, aber auch offene Anklagen gegen infame Heuchelei und politischen Mißbrauch. Prägend für Williams sehr eindringliche epische Schreibweise sind die an Whitman und Ginsberg erinnernden longlines. Seine Sprache ist wild, verstörend und kraftvoll, voll von sinnlicher Lebendigkeit.

Stimmen zum Buch

„Kein anderer zeitgenössischer Dichter hat uns eine stärker gewebte oder gespannte Interpretation dessen gegeben, wie es sich anfühlt: Das Unbewußte ins erreichbare Licht der Sprache zu bringen. Williams hat maßlos gekämpft, um das zu demaskieren, was am meisten schmerzhaft und verborgen in unserer Psyche ist …“ Edward Hirsch

„Um es einfach zu sagen: C. K. Williams ist ein wunderbarer Dichter in der authentischen ameri­kanischen Tradition von Walt Whitman und W. C. Williams, der auf jeder Seite erzählt, was es bedeutet, lebendig zu sein in unserer Zeit.“ Stanley Kunitz

„Williams stellt ethische Fragen an eine dunkle und derbe Welt, die gewöhnlich ist und nur in seltenen Momenten Schonung kennt. In diesem Austausch zwischen Dichter und Welt ist ein Geheimnis, das Williams in seinen langen gewundenen Sätzen zu umkreisen, zu umschlingen, letztlich zu ergründen sucht. Das Gedicht nähert sich dem Gebet, einem merkwürdigen, fürchtenden Gebet, das in all dem Verhängnis, in der Gewalt und Rohheit der Welt auf die Verteilung von Gnade hofft.“ Joachim Sartorius

Rezensionen

FAZ vom 29. 12. 2011

Der rostende, sich zersetzende Klotz der 'Vereinigten Staaten': Die langen gebrochenen Zeilen des C. K. Williams
Ralf Julke, L-IZ vom
14.12.2010

Gähnende Leere im Online-Buchladen, gähnende Leere im Online-Lexikon. Es sind nicht nur die Dichter aus Europa oder Asien oder Afrika, die seit Jahren immer seltener eine Chance bekommen, den deutschen Buchmarkt zu betreten. Es trifft auch auf gestandene Dichter aus den USA zu - wie auf Charles Kenneth Williams. Nicht zu verwechseln mit dem zehn Jahre älteren Londoner Schauspieler Kenneth Charles Williams. Manchmal hat ein Schriftsteller auch einfach das Pech, dass seine Eltern ganz gewöhnliche Menschen mit ganz gewöhnlichen Namen sind. Williams ist ein häufiger Familienname, betont auch das Online-Lexikon Wikipedia. Und listet dann ungefähr 500 oder 1.000 mehr oder weniger berühmte Leute auf, die Williams hießen oder heißen. Darunter natürlich berühmte Schriftsteller wie Tennessee Williams oder der Dichter William Carlos Williams, der - um sich von all den vielen Pauls und Charles' und Williams zu unterscheiden, unter den drei Buchstaben WCW veröffentlichte. Und so kürzt auch Charles Kenneth seinen Namen ein zu C. K. Williams und veröffentlicht seit den 1950er Jahren, seitdem er, wie er sagt, die Dichtung fand. Das Jahrzehnt ist nicht ganz unwichtig, denn damit begann er sein literarisches Schreiben natürlich zusammen mit der Beat-Generation, gemeinsam mit den Jack Kerouac und Allan Ginsberg und William S. Burroughs.

Ob er ähnliche Themen anschnitt in seinen frühen Büchern, wäre vielleicht einmal schön zu erfahren. Denn die ein oder andere Wurzel hat er mit seinen Zeit- und Altersgenossen gemein. Aber dazu bracht natürlich der deutsche Leser auch wieder einen fleißigen Übersetzer wie Walter Thümler, der die Gedichte für diesen Auswahl-Band übersetzt hat. Schon das eine strenge Wahl. Denn Williams hat bislang 17 verschiedene Bände mit Gedichten herausgegeben. Thümler hat aus zehn Bänden eine Auslese vorgenommen. Der älteste Band, den er dafür nutzte, war der Band "Lies" aus dem Jahre 1969, der jüngste stammt von 2009: "Wait". Im Titel ist Williams ein sich knapp fassender Bursche. Im Text wird er ausführlich. Und er benennt auch selbst eines seiner Vorbilder für den ausschweifenden Vers: Walt Whitman natürlich, auch wenn ihm der große Gesang nicht ganz so liegt. Er könnte schon. Das merkt man einigen seiner Texte an, wenn er das, was er sieht und erlebt, in Bilder fast. Etwa in "Gewitter" ("Storm") aus "The Vigil" von 1997. "In den Siebzigern entwickelt Williams seine long lines", schreibt Thümler. Vielleicht tat er das tatsächlich. 20 bis 25 Silben lange gewundene Zeilen, schreibt Thümler. Vielleicht steht das irgendwo so in der Literatur. Aber so ganz, ganz neu ist es nicht.

Von Whitman kennt man ganz ähnlich ausufernde Gesänge. Solche Verse eignen sich natürlich geradezu, das zu tun, was Whitman einmal "Amerika singen" genannt hat. Ein so großes, schier uferloses Land, das kann man in großen, mississippi-haften Versen natürlich am besten beschreiben. Und schon Whitman versuchte ja, dass entgrenzte Leben einer auf Fortschritt, Reichtum, technische Großtaten versessenen Zivilisation genauso zu fassen, passend zu den gewaltigen Prärien, den Grand Canyons und den himmelstürmenden Rockies. C. K. Williams, der das Ganze ein Jahrhundert später erlebt, sieht natürlich auch, was draus geworden ist und dass mit dem Größenwachstum der Projekte auch die Dimension der Gefahr gewachsen ist. Und er findet entsprechend genaue und klare Bilder für das, was der Beinahe-GAU von Three Mile Island in ihm ausgelöst hat.

Nur eines kann er nicht mehr: Einfach so drauflossingen wie Whitman. Immerhin beschrieb Whitman auch noch ein junges Land, das sich mit der Freude an den unendlichen Möglichkeiten einfach ans Erobern und Bauen und Ausdembodenstampfen machte. Mittlerweile haben die USA auch ihre damals noch gelebte "splendid isolation" aufgegeben und in mehreren kontinentalen und weltweiten Kriegen mitgemischt und spätestens seit Vietnam (das C. K. Williams ebenfalls reflektiert) auch ihre Unschuld verloren. Dazu kommt: Williams kennt sein Land nicht nur aus der Innensicht als Poet und Professor of Writing or Literature. Er sieht es auch immer wieder aus der kühlen europäischen Distanz. Seine Semesterferien soll er stets in Paris verbracht haben, bevor die Normandie zu seiner Ferienheimat wurde.

Um so konturenschärfer sind viele Gedichte, die er über seinen amerikanischen Alltag schreibt und das für ihn stets präsente Gefühl der Vereinsamung, des Verlorenseins in gnadenlos urbanisierten Welten. Auch das ein Unterschied zu Whitman, der seinen großen Atem noch aus den grandiosen Naturerlebnissen schöpfte, aus einem Amerika, das noch stolz war auf riesige Bereiche ungezähmter Natur. Davon ist nicht mehr viel übrig. Und wahrscheinlich erleben es die meisten US-Amerikaner genauso wenig wie der verstört durch diese Straßen und Betonlandschaften eilende Professor. Einige Gedichte erzählen auch schon sehr prägnant von dem, was gerade der amerikanische Osten in den letzten 30 Jahren besonders deutlich erlebt hat - das Mürbewerden von Infrastrukturen, die Entleerung der einstigen Fabriken, das Abwracken einer von der globalen Entwicklung abgehängten Wirtschaft.

Und der Professor ist ja auch noch zutiefst skeptisch. Auch das ein Erbe der Beat-Generation, die auf ihre Weise die Abgründe des amerikanischen Traums erlebt und ausgemessen hat. In jedem Gedicht steckt eine gehörige Portion Melancholie, gepaart mit Selbstzweifeln, die sich augenscheinlich mit steigendem Lebensalter noch mehren. Nicht ohne Grund verfällt der Dichter 2003 auf den Gedanken, Rembrandts spätes Selbstporträt zu einer Selbstbetrachtung zu machen. Ein Gedicht, das nicht ganz zufällig im selben Band "The Singing" (2003) erscheint wie das Gedicht "War", das Williams im September/Oktober 2001 schrieb, also im direkten Umfeld des Anschlags auf das World Trade Center in New York und der sofort greifbaren Kriegshysterie. Die letzten Zeilen fassen das Empfinden dieses Moments aus der enttäuschten Nähe: "Diese plötzlich beschmierten Bilder des Gleichklangs und des Friedens. / Diese schreckliche Bürde geboren zu sein, Mitschuld, Reue, Leid." Ein Gedicht, das auch wieder zeigt, wie Williams tief in das Repertoire der Weltliteratur greift, in diesem Fall auch Homers "Illias", auch wenn der Übersetzer hier zu einer drastischen Wortwahl greift, die nicht ganz mit den Bildern Homers übereinstimmt.

2009 dient Williams der Anblick eines zum Abwracken bereiten Schiffskolosses dazu, sein Bild der einstigen Weltmacht USA zu malen: "Der rostende, sich zersetzende Klotz der 'Vereinigten Staaten' ..." Dass Williams den Rhythmus seiner Verse immer wieder aufbricht und mit philosophischen Seitensprüngen bremst, macht es nicht ganz einfach, seine Gedichte als ganzes Bild zu erfassen. Wahrscheinlich will er das so, will den Leser dazu animieren, die manchmal eindrucksvollen Bilder nicht einfach zu akzeptieren, sondern immer wieder auch auf das eigene, ziemlich verstörte Dasein in diesen urbanen und oft genug verwüsteten Landschaften zu reflektieren. Womit er sich von einem seiner anderen Vorbilder, Rainer Maria Rilke, gründlich unterscheidet. Der hatte eine panische Scheu davor, sich seinem Leser als Dichter zu sehr aufzudrängen, nahm sich lieber zurück. Dabei sind beide wahrscheinlich ganz ähnlich scheu. Nur ist der eine nunmehr ziemlich ernüchtert darüber, was aus dem einstmals großen und grenzenlosen Amerika geworden ist.

Sprache im technischen Zeitalter, 116

 

 


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