Zurück zur Autoren-Übersicht

 


Volker Sielaff zu Charles Wrights "Worte sind die Verringerung aller Dinge"

Philosoph im Obstgarten
Erstmals auf Deutsch: Der amerikanische Pulitzerpreisträger Charles Wright

In seinem Roman „Das Tempeldach“ schildert der japanische Schriftsteller Yasushi Inoue zwei China-Gesandtschaften. Solche Reisen waren für die Mönche damals ungemein strapaziös. Vor Ort bestand deren Hauptaufgabe darin, Sutren zu kopieren, eine Arbeit, die von ihnen voller Hingabe und Selbstaufopferung erledigt wurde. Seit Ende des 4. Jahrhunderts begaben sich chinesische Mönche schließlich auch auf dem Landweg nach Indien. Einer von ihnen war Xuan Zang, „der von Xian nach Südindien reiste / und zurück – auf Pferderücken, Kamelrücken, Elefantenrücken, und zu Fuß.“

Der amerikanische Dichter Charles Wright, der 1997 für seinen Band „Black Zodiac“ den renommierten Pulitzerpreis erhielt, vollzieht die Odyssee dieses gelehrten Mönchs in einem seiner Gedichte nach. Überhaupt ist die Namensliste östlicher Dichter und Philosophen in diesem Werk lang. So lang, daß der Verleger der kleinen Leipziger „Edition Erata“ (und Übersetzer des Daodejing!) Viktor Kalinke, dem Buch ein Glossar der wichtigsten chinesischen Eigennamen angehängt hat. Denn Wright, dessen Gedichte in der Übersetzung von Stefanie Golisch jetzt erstmals auf Deutsch erscheinen, ist ein Metaphysiker des Alltags und stark geprägt vom östlichen Denken.

Manche seiner Gedichtzeilen haben etwas lehrstückhaftes und erinnern an frühe buddhistische Schriften: „Wer große Ruhe sucht, / hat harte Arbeit vor sich und einen langen Weg“, heißt es da und weiter: „Brüte nicht über der Vergangenheit. / Die Welt ist ohne Zusätze, / ohne Botschaft, ohne Namen.“ Wrigths Dichtung ist ihrem Wesen nach meditativ.

Mit der Malerei (vor allem eines Giorgio Morandi, dem, ebenso wie Paul Cezanne, eine eindrucksvolle Hommage gewidmet ist) scheint der Lyriker, dessen Gesamtwerk mittlerweile auf über zwanzig Bände angewachsen ist, auf vertrautem Fuß zu stehen. Außerdem hat Wright, der heute als Englischprofessor an der Universiät von Virginia in Charlottsville lehrt, sich als Übersetzer Eugenio Montales einen Namen gemacht, dessen spröder Hermetismus ihn beeindruckt haben könnte.

Immer wieder ist auch in Wrights Gedichten vom wechselhaften Licht die Rede, etwa vom „bleichen Wiegelicht des Nachmittags“, vom Sonnenlicht „über einer schattenlosen Wiese“ oder vom Dämmerlicht, in dem der eigene Garten versinkt, bevor der Abend „mit seinem Löschpapier“ endlich alles Licht aufsaugt. Häufig wird der Gartenarbeit und den Aufenthalten in freier Natur, am liebsten im heimischen Obstgarten, gehuldigt (auf dem Rückumschlag des Buches ist der Dichter in Gummistiefeln zu sehen). Und als Subtext zu so viel irdischen Erleben schimmern immer wieder auch Lektüren des Dichters durch und finden Eingang in dessen poetologischen Kosmos: darunter eben viele Chinesen, T. S. Eliot, aber auch das „Appalachische Totenbuch“, in dem es so schön östlich-apodiktisch raunt: „Gehe in Furcht vor Abstraktionen...“

Stefanie Golisch erwähnt in ihrem Nachwort zum Band besonders die spirituelle Dimension der Dichtung dieses modernen Sinnsuchers im Obstgarten und zitiert ihn mit den Worten: „Mich interessieren drei Dinge, in der Lyrik wie im Leben: Landschaft, Sprache und die Idee des Göttlichen.“ Aus diesem „exklusiven Dreigestirn“ heraus, so die Übersetzerin, entwickle sich Wrights poetisches Universum.

Tagesspiegel, 7. 9. 2008


 



Textprobe
aus: Worte sind die Verringerung aller Dinge

Zum Buch !