
Inskriptionen
Teilnahmebedingungen zum Mit-Schreiben
“Inskriptionen.de” versteht sich als offene literarische Anthologie - jeder Nutzer kann Beiträge in den Sparten Lyrik, Prosa, Essay, Kritik oder Buch-Empfehlung eintragen. Nichtliterarische Beiträge werden von der Redaktion des Leipziger Literaturverlags gelöscht. Mit seiner Teilnahme garantiert der Autor, daß er allein Urheber des von ihm eingestellten Textes oder Bildmaterials ist.
Die Redaktion wählt einmal jährlich Beiträge von “Inskriptionen.de” aus, um sie in limitierter und numerierter Ausgabe als gedruckte Anthologie auf herkömmlichen Wege zu veröffentlichen. Die Redaktion lädt zur Auswahl der Texte i.d.R. wechselnde Gast-Juroren ein. Die auf Papier gedruckte Anthologie wird zu einem literarischen Sommerfest präsentiert. Indem der Autor seinen Beitrag bei “Inskriptionen.de” einstellt, erklärt er sich mit den Teilnahmebedingungen einverstanden.
Stichtag für die Auswahl ist jeweils der 31. März.
Wenn
Dichter bloggen: Inskriptionen Nummer 2 - ganz in pink
von Ralf Julke, L-IZ vom 10.11.2009
paranoia, pink.Worüber unterhalten sich Dichterinnen und Dichter, wenn sie sich in einem eigenen Blog tummeln dürfen? Über frische Brötchen? Ungezogene Kinder? Liebschaften? Wäschewaschen? - Eher selten. Häufiger geht es um leere Blätter, Schädelinnenräume und Träume. Gedichte eben.
Der Leipziger Tummelplatz dafür heißt seit geraumer Zeit "Inskriptionen". So heißt auch die Website, die der Erata-Verlag ins Netz gestellt hat. Eine Spielwiese für alle, die gern frisch erdachte Gedichte lesen oder selber welche verfassen und dann auch freigeben zum Lesen - und Kommentieren. Was dann vor einem Jahr schon einen etwas ungewöhnlichen Auswahlband ergab, den Erata vorlegte: Inskriptionen Nr. 1, Titel: "Denkporno".
Jetzt hat der Verlag den zweiten Band mit einer Auswahl der Online-Texte herausgebracht: "Paranoia, pink". Was auch diesmal nicht unbedingt auf die versammelten Texte der 18 Autorinnen und Autoren verweist, eher auf die köstliche Einbandfarbe und die Druckerröte der Texte. Denn die sind tatsächlich in schamvollem Pink gedruckt. Aber auch das sagt nichts über die Texte, die so verschieden sind wie ihre Autoren und deren Kommentatoren.
Denn so, wie man es aus Blogs kennt, gibt es auch in diesem Auswahlband einige der Kommentare zu den Gedichten mitgeliefert. Die Kommentare oft länger und noch lyrischer als die Gedichte und kurzen Prosastücke. Und es geht tatsächlich eher nicht um Strümpfestopfen, Erkältungstees oder Liebestrost, sondern zuweilen auch etwas boshaft zu Gericht. Immerhin sind hier Fach-Leute im Gespräch und kennen die einschlägigen Stellen aus der Welt der Lyrik, Stellen, die zuweilen allzu deutlich verraten: Dieses Bild ist nicht ganz neu, jener Gedanke nicht ganz originell - aber dieser schöne lange Text ist einmal ehrlicher Kitsch.
Manchmal geht man auch mit Samtpfötchen um miteinander, schreibt einfach das gloriose Gefühl der Verse weiter - und siehe da: Das klingt dann schon recht komisch. Lyrik ist ein gefährliches Feld, gerade dann, wenn man besonders stimmungsvoll, eindrucksvoll, genial sein möchte. Da steckt das deutsche Schriftgut voller Fettnäpfe, Gefühligkeitsfallen und Blütentraummusterbögen. Nicht nur für die rührige Hausfrau, auch für den nimmermüden Schreibtischkämpfer, der erst einmal eine ganze Kanne Kaffee leert, bevor er sich den aufgeweckten Einfällen widmen kann. Da grenzt dann so mancher Text, in dem sich einer oder eine ganz mit sich und der großen rasenden Wirklichkeit beschäftigt, tatsächlich an Paranoia.
Inskriptionen No. 2: paranoia, pink.Wobei verraten sein darf: Der Hefttitel stammt aus einem Text, den Beke (alias Ilona Schlott) über ein Erlebnis am Büchergrabbeltisch schrieb. Die Wirklichkeit ist längst verrückt genug. Man braucht im Grunde nur noch zu registrieren und zu protokollieren. Texte, die das tun, wirken auch in diesem Band farbiger, lebendiger und bilderreicher als jene, auf die es dann so boshaft schöne Kommentare regnet wie diesen: "vivaldi, orlando furioso, manchmal sind es wirklich die kastraten, die versöhnen mit dem tag."
Und was schrieb Thomas Kunst - es sind auch eine Reihe namhafter Textgenossen im Heft - am 17. Oktober 2008, 00:13 Uhr? "Nach zwanzig Jahren ist noch nichts zu Ende. / Erwarte nächstes Jahr Texte zur Wende." Das Jahr ist herum. Das Heft lädt noch einmal ein zum Gartenbesuch. Manches blühte ganz nett. Anderes war sogar nahrhaft. Vieles von ätherischer Versponnenheit. Einiges steckt voller Bosheit und Witz, wie chrysanthemes (alias Gesche Blumes) klopsige Kurzgeschichten. Ein Vademecum, wie es dereinst einmal hieß, als es Literatur im Laden noch in wilden Mischungen zu kaufen gab - sozusagen als Wundertüte. Man konnte Glück haben und es war das Richtige drin. Oder Pech: Dann war's ein Rätsel.
Und wer den in 100er Auflage gedruckten Auswahlband nicht bekommen hat: Das Projekt ist weiterhin online - mit allen Texten, hübsch geordnet nach Monaten, und allen Kommentaren.

