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Miloš Crnjanski

geb. 1893 in Csongrad (Ungarn), studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, Belgrad und Paris, erzwungenermaßen k.u.k. Offizier im ersten Weltkrieg, Anarchist und Sozialist, zahlreiche Romane, Reisebeschreibungen, Dramen und Essays, übersetzte klassische chinesische und japanische Lyrik, Verfilmung des Romans Seobe durch Aleksandar Petrovic, gründete 1922 verschiedene Zeitschriften, u.a. Puteve (Wege) mit M. Ristic, ab 1928 Kulturattachè in Berlin, Rom und Lissabon für das Königreich Jugoslawien, 1934 Herausgabe von Ideje (Ideen), Emigration nach London, 1965 Rückkehr nach Belgrad, höchste Auszeichnungen, starb 1977 in Belgrad

Miloš Crnjanski zählt zu den herausragenden Autoren der serbischen Avantgarde. Ihm ist es gelungen, die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs zu überleben und eine Zuflucht zu suchen in imaginären Welten.
Seine poetische Prosa hat die moderne serbische Literatursprache geradezu erschaffen.

Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag

Ithaka. Gedichte, zweisprachig, aus dem Serbischen von Viktor Kalinke & Stevan Tontic, LLV 2008

Die Ursprünge Crnjanskis liegen jedoch in der Lyrik. Ithaka ist kein harmloses Gedichtbändchen für den Nachttisch. Ithaka ist die grausame Abrechnung mit dem alten Mitteleuropa der k.u.k. Monarchie und in seiner sarkastisch-pazifistischen Haltung aktueller denn je zum Verständnis der fortwährenden Konflikte auf dem Balkan. Crnjanski bricht sowohl mit den Großmachtträumen Serbiens, die sich auf Zar Dušan und das Amselfeld berufen, als auch mit dem verlogenen Humanismus der Westmächte. 1967, acht Jahre nach Erscheinen des Originals, publizierte der Suhrkamp-Verlag Peter Urbans Übersetzung der Kommentare zu Ithaka, die Crnjanski zu seinen Gedichten schrieb. Der im Jahr 1919 in Belgrad für Aufruhr sorgende Gedichtband selbst blieb dem deutschsprachigen Publikum bislang vorenthalten – eine absurde Editionsgeschichte, die mit der vorliegenden Ausgabe endlich ihren Abschluß findet.

 

 

Ithaka-Hörbuch, gesprochen von Miloš Crnjanski und Viktor Kalinke, ERATA 2009

enthäöt auch einen Film über Crnjanski

 

Iris Berlina. Aus dem Serbischen von Mirjana & Klaus Wittmann, LLV 2011

Ab 1928 weilte Crnjanski als Kulturattaché in Berlin. Seine Beobachtungen sind gerade für das deutschsprachige Publikum von herausragendem Interesse. Sie stellen die Außensicht eines intellektuellen Serben auf die Mentalität und das Alltagsleben der Weimarer Republik dar. Weit davon entfernt, ein passiver und oberflächlicher Beobachter zu sein, gibt Crnjanski nicht nur seine Eindrücke, sondern auch seine Vermutungen und Zweifel wieder, wobei sich manche seiner Schlußfolgerungen als verblüffend prophetisch erweisen sollten. So bemerkt er, der Erste Weltkrieg sei „eigentlich nur die Generalprobe für einen nächsten Krieg“ gewesen, und kommt zu dem Schluß, Deutschland würde, nach dem „Ende der Unbestimmtheit und der Zurückhaltung der heutigen deutschen Außenpolitik und deren Friedfertigkeit“, diesen nächsten Krieg gegen Polen führen. Hinter den glitzernden Kulissen der deutschen Hauptstadt sah er die Bestrebung, das Bild von Deutschland und seiner Rolle in der Geschichte zu beschönigen. Zu Recht wies er auf die Verdrängung der jüngsten Vergangenheit hin: „Daß das deutsche Volk in einem schrecklichen Krieg geschlagen wurde, davon ist auf deutschem Boden nichts zu spüren.“ Er befürchtete daher, daß, sobald die Frage der Reparationen gelöst sei, es „zu einer Rückbesinnung auf das alte Deutschland“ kommen und man in Berlin wieder beginnen würde, „unkontrolliert, fieberhaft, fantastisch zu denken“. (Milan Ristović)

 

Zottelige Pferde auf Island. Aus dem Serbischen von Elvira Veselinović, LLV 2011(Sonderdruck zur Frankfurter Buchmesse)

Den über 700 Seiten umfassenden autobiografischen Roman Bei den Hyperboräern, dem der Ausschnitt über Island entnommen ist, schrieb Crnjanski 1940. Am Rande des neuen Weltkrieges, war er damals jugoslawischer Diplomat in Rom. Das Buch ist ein subtiles literarisches Zeugnis über das Ende einer Epoche und zugleich eine anrührende Ode an die Schönheit und den Sinn des Lebens in den Weiten des nördlichen Europas. Fern von Heimat und eigener Sprache, melancholisch durch das faschistische Italien reisend, ahnte Miloš Crnjanski, daß sich ein unbegreifliches Unheil – „der große Krieg“ – unausweichlich nähert. Um einen Ausweg zu finden, vermischt er in seinem Text das Kulturerbe des Südens mit dem antiken Mythos über Hyperborea – „dem Land jenseits des Nördlichen“ – und eigenen Reiseerfahrungen aus dem Jahr 1937 nach Island, Jan Majen und Spitzbergen zu pazifistischen wie auch literarischen Visionen. Das ausgewählte Kapitel „Zottelige Pferde auf Island“ ist ein zeitloser Reisebericht über die Insel „in wahren Farben“ geschrieben, darüber hinaus ein antinationalistisches Plädoyer und ein engagierter Beitrag zur gesamteuropäischen Identität. (Milorad Živojnov)

Stimmen

zu ZOTTELIGE PFERDE

Eine Kurzgeschichte vom Traum vom irdischen Frieden: Zottelige Pferde auf Island
Ralf Julke, L-IZ vom 01.12.2011

Avantgarde, das bedeutete mal was Anfang des 20. Jahrhunderts. Da gingen Autoren noch auf Reisen, besuchten die surrenden Großstädte des Kontinents, tauschten sich aus, probierten aus und lernten voneinander. Das ist fast vergessen. Als hätte einer die Mauern hochgezogen. Land um Land verschwand hinter den Wäldern. Auch Serbien. Und einer wie Milos Crnjanski.

Das hat natürlich mit medialer Wahrnehmung in und von Europa zu tun. Die ist beschränkt. Scheuklappen wären eine untertreibende Bezeichnung dafür. Es fehlt der komplette Diskurs. Es sind immer wieder die selben zwölf jämmerlichen politischen Gestalten, die für das stehen müssen, was man so landläufig europäische Einheit nennt. Die es nicht gibt. Die eine Fiktion ist, in der selbst das EU-Parlament zumeist ein lärmendes UFO ist, gebeutelt von den Winden des Tages, von den Ereignissen getrieben.

Das große Märchen: Die Länder und Nationen wären in der Gemeinschaft aufgehoben. Und damit nicht mehr so wichtig, da sich ja doch alles angleiche. Wenn es um Fastfood und eine unverstandene Globalisierung geht - dann wohl. Aber das ist es auch schon. Unter der Einheitssuppe kochen die Nationalismen. Länder, die nicht wirklich in einen kontinentalen Diskurs eingebunden sind, fangen an, nationalistische Provinzsüppchen zu kochen. Siehe Ungarn. Das Drama in Ex-Jugoslawien ist so lang noch nicht her. Was macht eigentlich Serbien?

Wer beobachtet die Diskurse da unten? Und nicht nur die Scharmützel mit den Blauhelmen, die kleinen Muskelspielchen der ewigen Soldaten, die irgendwo im Jahr 1918 stecken geblieben sind?

Wer liest? Und was?

Der Leipziger Literaturverlag hat mit "Ithaka" und "Iris Berlina" schon zwei markante Werke des Serben Milos Crnjanski (1893-1977) veröffentlicht. Er gilt in Serbien als Teil der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Schön, das zu erfahren. Wo bleiben die anderen Avantgarden? Welcher Verlag pflegt dieses Feld?

Keiner.

Selbst mit diesem so spannenden Kapitel, den 1920er Jahren Europas, gibt man sich kaum ab. Und versäumt das Wichtigste: Das Wissen um wichtige Diskurse. Denn Vieles, was den Kontinent heute wieder stumpf und stumm macht, war auch vor 80 Jahren schon Thema. Oder vor 70 - wie Crnjanskis 700 Seiten dicker Roman "Bei den Hyperboräern", entstanden in Italien am Vorabend des 2. Weltkrieges. In voller Länge traut sich der Leipziger Literaturverlag noch nicht, ihn vorzulegen auf deutsch. Es wäre ein finanzielles Husarenstück. Zur Frankfurter Buchmesse legte er einen kleinen 20-Seiten-Sonderdruck daraus vor. Als Appetithäppchen.

Er liest sich auch als Kurzgeschichte. Was für die Qualitäten des Autors spricht, der ein kluger, flotter und schnörkelloser Erzähler ist. Was eine der größten Tugenden dessen war, was man so als Avantgarde bezeichnen kann: Der überladene Sprachbombast des bürgerlichen Großromans wurde ausgemistet, die Sprache wieder klarer, sauberer, brillanter. Was auch ein politisches Statement ist, wenn man es ernst nimmt: Man redet nicht mehr um die heißen Suppen herum. Man wird konkret und genau. Das kann treffen und traf auch. Und verschwand auch deshalb nach dem nächsten großen Krieg in der Versenkung. Nicht nur im Osten wurde der schwülstige Kleinbürgerroman wieder zum Nonplusutra erklärt.

Wer will schon wissen, was ein unruhiger Geist 1940 im von Mussolini beherrschten Italien über eine friedliche Perspektive der Welt denkt? Dass Island sein Vorbild ist - es gehört zum poetischen Spielfeld. Kurz zuvor hatte der Autor die Insel im hohen Norden besucht und nicht nur die zotteligen und gehorsamen Pferde bewundert, sondern auch die beeindruckende Vulkanlandschaft und die alte, widerstandsfähige Demokratie. Hier sah er ein Stück einer möglichen künftigen friedlichen Welt. Bei den "Hyperboräern". Zu seiner Zeit vermutete man diese alte Landschaft aus griechischen Überlieferungen noch im rauen Atlantik. Island galt auch als Kandidat dafür.

Dass das Land der Hyperboräer auch schlicht im Mittelmeer gelegen haben könnte, ist eine durchaus junge Erkenntnis in der Forschung. Man traute den alten Griechen Jahrhunderte lang einiges zu. So auch eine Reise nach Island. Mit Schiffen, die nur für die Küstenschifffahrt gebaut waren.

Übrig bleiben natürlich beeindruckende Mythen. Aus denen Dichter wie Crnjanski ihre Träume woben. Auch wenn dies hier durchaus mit einer gut erzählten Pointe endet. Denn erzählen kann man ja über Hyperboräa und die isländischen Ponys eine Menge - das Leben auf Erden geht weiter und lebt von zuweilen überraschend trockenen Pointen.

zu IRIS BERLINA

"1928 ging Miloš Crnjanski als Kulturattaché nach Berlin. Seine Essays aus dieser Zeit - "Iris Berlina" - erscheinen nun im Leipziger Literaturverlag. Darin schwärmt er über das Deutschland der 20er Jahre, sieht aber schon den Zweiten Weltkrieg mit einem Angriff auf Polen heraufziehen." mdr figaro


Crnjanski auf einer Stadtrundfahrt der "Elite-Rundfahrten" 1929 in Berlin

Gestern war erst heute früh
von Gregor Dotzauer, Tagesspiegel vom 21. März 2011

Nicht einmal von der genuin literarischen Vielfalt weiß man hierzulande genug ... das Bild bleibt unvollständig, solange einer der größten Erzähler des 20. Jahrhunderts, Borislav Pekic, unübersetzt bleibt und die Bedeutung von Miloš Crnjanski unerkannt. Das ändert hoffentlich Serbiens Gastauftritt bei der Leipziger Buchmesse, aus dessen Anlass, nach Crnjanskis Gedichtband „Ithaka“ (Leipziger Literaturverlag), dort nun auch seine Berliner Notizen von 1929, „Iris Berlina“, sowie seine Autobiografie „Ithaka und Kommentar“ (Suhrkamp) erscheinen – mit lakonischen Erinnerungen an die Gemengelage rund um den Ersten Weltkrieg, den Übergang von der Donaumonarchie zum Königreich Jugoslawien.

Entdecken wir einen balkanischen Proust
von Michael Martens, FAZ vom 16. 3. 2011

Serbische Literatur ist in Deutschland kaum bekannt. Höchste Zeit, dass sich das ändert. Der Buchmesseschwerpunkt in Leipzig könnte helfen, denn Autoren von Weltformat brauchen ein Publikum ...

„Es wurden jetzt an die dreißig serbische Autoren erstmals auf Deutsch übersetzt. Wenn auch nur zwei oder drei dauerhaft eine Leserschaft im deutschsprachigen Raum finden, ist das schon ein Erfolg“, sagt Sreten Ugricic, Direktor der Serbischen Nationalbibliothek und Schriftsteller. Einen Erfolg wünscht Ugricic, dessen Roman „An den unbekannten Helden“ anlässlich des Leipziger Schwerpunkts erstmals auf Deutsch erscheint, vor allem einem unbekannten Großen der serbischen Literatur: Milos Crnjanski, dem „modernen Klassiker des alten Jugoslawien“, wie ihn die „Neue Zürcher Zeitung“ einmal nannte.

Crnjanski ist ein weiteres Beispiel für den von Andric konstatierten west-östlichen Wissensunterschied. „Ich zähle ihn zu den ganz großen europäischen Dichtern, vom Rang eines Marcel Proust. Leider ist er in Europa nahezu unbekannt“, sagt Ugricic. In Serbien ist er hingegen eine unverrückbare Größe. Wen man auch fragt unter serbischen Intellektuellen, zuverlässig fällt Crnjanskis Name, wenn es um die Höhepunkte serbischer Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts geht.

Anlässlich der Buchmesse bietet sich die Chance, ihn endlich zu entdecken. Bei Suhrkamp erscheinen das „Tagebuch über Carnojevic“ mit seinen erschütternden Reflexionen über den Ersten Weltkrieg sowie das biographische „Ithaka und Kommentare“. Ein kleiner Leipziger Verlag bietet zudem in hervorragender Übersetzung „Iris Berlina“, Crnjanskis faszinierende Aufzeichnungen aus der auf ihre Katastrophe zustrebenden deutschen Hauptstadt, wo er ab 1928 als Kulturattaché an der Botschaft des Königreiches Jugoslawien diente.

Dass Crnjanski ein Schriftsteller ist, der in Europa gelesen zu werden verdient, bestätigen auch Sasa Ciric und Sasa Ilic, die Herausgeber der Belgrader Literaturzeitschrift „Beton“. Sie wollen in Leipzig noch ein anderes Ziel erreichen: eine Korrektur des Serbienbilds. Ähnliches, nämlich eine Berichtigung von Serbiens Sicht auf sich selbst, versuchen sie seit Jahren im eigenen Land durchzusetzen. „Beton“ - der Titel beruft sich auf Thomas Bernhards gleichnamiges Buch - nimmt eine kritische Haltung zur fragwürdigen Rolle serbischer Intellektueller in den achtziger und neunziger Jahren ein. „Es geht uns darum, die Frage nach der Verantwortung der serbischen Intellektuellen für den Zerfall Jugoslawiens sowie den Krieg zu stellen“, sagt Sasa Ilic. Eine kritische Auseinandersetzung, wie Thomas Bernhard sie mit Österreichs Vergangenheit führte, finde in Serbien noch viel zu selten statt. Und im Ausland lasse sich das Land oft durch die falschen kulturellen Botschafter vertreten ...

Lasst verstummen den Gesang auf Ritter und Ruhm
Frontsoldat, Avantgardist und europäischer Wanderer: Milos Crnjanski ist der bedeutendste serbische Autor des 20. Jahrhunderts
Mathias Schnitzler, Berliner Zeitung vom 18. 3. 2011

Nicht nur Käfer, sondern auch den Krieg zählte er zu seinen Freunden. Was aber ist von den Lobgesängen auf Ernst Jünger zu halten, die seine Liebhaber gerade wieder einmal anstimmen? Wenn man jetzt den großen serbischen Schriftsteller, Jünger-Zeitgenossen und Frontsoldaten Milos Crnjanski wiederliest, erhärtet sich im Vergleich ein früher gefasstes Urteil: Jüngers Masturbationen in Stahlgewittern sind nicht nur fragwürdig, sondern auch lausig geschrieben.

"Der Atem des Kampfes wehte herüber", heißt es auf deutscher Seite, "und ließ uns seltsam erschauern." Und feierlicher: "Jongleure des Todes, Meister des Sprengstoffs und der Flamme, prächtige Raubtiere, federten sie durch die Gräben." Lesen wir also lieber Crnjanski, den ironischen Faktografen, Kriegsgegner und, das militärische Wort sei verziehen, Avantgardisten. Gleich sein erstes Buch hat die serbische Lyrik revolutioniert. Die Prosa über den Ersten Weltkrieg ist Weltliteratur.

Milos Crnjanski ist ein bei uns unbekannter moderner Klassiker. 1893 als Angehöriger der serbischen Minderheit im ungarischen Csongrad geboren, wurde er im südslawischen Raum jung berühmt. Aber auch angefeindet. Wegen zweier Werke, die während des Ersten Weltkriegs, zum Teil auf den Schlachtfeldern entstanden, "wenn ich mich weiter von der Kompanie entfernt hatte ... Zwei Slowaken von meinen Leuten, die mich mochten, dachten, ich würde meine Notdurft verrichten."

Ohne den Kontext des Krieges, zu dem der Erzähler eine lakonisch beobachtende Haltung einnimmt, die aber seine Gefühle und Gedanken nur vordergründig, ja poetologisch verbirgt, sind die Texte nicht zu verstehen: der Gedichtband "Lyrik Ithakas" von 1918 (deutsch "Ithaka") sowie das "Tagebuch über Carnojevic" (1920). Suhrkamp hat den Band, eine Art komplementäre Prosaversion der Lyrik, wieder neu aufgelegt.

Mit Crnjanskis grandioser Autobiografie "Ithaka und Kommentare" (1959) sind diese Schlüsselwerke der südosteuropäischen Literatur des 20. Jahrhunderts nun endlich alle greifbar.

Während Jünger als Freiwilliger in den Krieg zieht und die männliche Tatkraft des Einzelnen im Überlebenskampf als etwas Erhebendes feiert, läuft es bei Crnjanski - fast möchte man sagen: typisch slawisch - um einiges grotesker ab. Zu Beginn des Krieges ordnet Wien die willkürliche Verhaftung serbisch sprechender Bürger der k.u.k. Monarchie an. Als Ungar serbischer Nationalität wird Crnjanski gefangen genommen, um ins österreichische Heer einberufen zu werden.

Im Kampf nicht nur gegen die Russen, sondern auch gegen das eigene serbische Volk, nimmt der Krieg von vornherein absurde Züge an. Schon im ersten Gefecht wird nahezu das gesamte Regiment Crnjanskis getötet, die Kameraden stammen wie er aus dem Banat. Überleben im Krieg hat hier nichts Heldenhaftes, sondern ist banaler Zufall. Eine Odyssee quer durch Europa beginnt. In Galizien kämpft Crnjanski an der russischen Front, dann wird der vermeintlich an Cholera Erkrankte in einem Waggon voll Durchfall und Erbrochenem zurückgelassen. Eine alte Frau rettet ihn.

Lazarettaufenthalte und Fronteinsätze wechseln sich ab, einem Erholungsurlaub im Krankenhaus des Wiener Klosters "Töchter der göttlichen Liebe" folgt der Abmarsch zum Kampf nach Italien. Er wolle, wie schon in seinem Tagebuch nicht lang und breit Schlachten beschreiben, sagt Crnjanski in seiner Autobiografie. Grund dafür sei "die Scham, die alle haben, die das blutige Bild mitansehen mußten (der Krieg ist kein Roman, sondern ein Film). Ich sag nur, dass wir im Blute wateten, täglich."

Mit seinen Ithaka-Gedichten, noch im letzten Kriegsjahr erscheinen, hat Crnjanski die serbische Literatur verstört, umgewälzt, erneuert - sowohl formal als auch inhaltlich. Odysseus Rückkehr nach Ithaka bildet hier den Referenzrahmen. Das lyrische Ich, aus dem Weltkrieg zurück, ist körperlich und seelisch nur noch ein Wrack. Was es gesehen und erlebt hat, endet in Erschöpfung, Bitterkeit, Trauer. Jeglicher Optimismus, alles Schöne wird zur Farce. Crnjanski spottet auch über serbische Großmachtträume und Nationalmythen wie etwa das Amselfeld oder auch den Zaren Dusan: "Lasst verstummen den Gesang auf Ritter und Ruhm. Die glorreiche Vergangenheit ist Lüge."

Nach dem Krieg arbeitet Crnjanski als Journalist und Literaturprofessor, übersetzt japanische und chinesische Lyrik, freundet sich mit Ivo Andric an. Wer von europäischer Kultur redet, sollte diese Autoren kennen. Zusammen mit dem Kroaten Miroslav Krleza bilden sie das Triumvirat der modernen südslawischen Literatur. Dem 1918 gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen steht Crnjanski positiv gegenüber und übernimmt politische Aufgaben. Doch immer wieder zieht es ihn fort, passend zu seinem großen historischen Roman "Wanderungen" (1929/1962).

Ab 1928 ist Crnjanski dann Kulturattaché in Berlin, Rom, Lissabon. Im Zweiten Weltkrieg flieht er vor Hitlers Wehrmacht nach England, wo er in ärmlichen Verhältnissen lebt. Seit 1954 sind seine Werke in der Heimat verboten. Mitte der sechziger Jahre kehrt er nach Belgrad zurück und stirbt 1977.

Von seiner ersten Berliner Zeit Ende der zwanziger Jahre (1935 wird Crnjanski als Korrespondent in ein anderes Deutschland zurückkehren) lesen wir nun in einem tollen Fundstück des Leipziger Literaturverlags. "Iris Berlina" ist eine aufregende literarische Reportage, die in ihrer Beschreibung der modernen Metropole eine wunderbare Ergänzung zu Döblins "Berlin Alexanderplatz", beide von 1929, bietet. Folgten die Deutschen dem Beispiel Berlins, werde das ganze Land bald "unkontrolliert, fieberhaft, fantastisch" zu denken beginnen.

Crnjanski ist gespalten. Den Klischees über Deutschland will er Unerwartetes, Farbiges entgegenhalten und lässt sich in der "inkonsequenten Art eines Dichters und Tänzers" berauschen vom Tempo der Stadt. Vom Verkehr und der Masse Mensch, den Nachtklubs, der Reklamewelt und totalen Amerikanisierung. Andererseits findet er hinter den Kulissen "den Ausdruck von etwas Verlorenem und Künstlichem" sowie Anzeichen der Ermüdung. Der Erste Weltkrieg, der die Deutschen immer noch umtreibe, ist für Crnjanski eine Generalprobe des folgenden. Den Anfangsschlag werde Deutschland gegen Polen führen.

Mit hellwachen Sinnen durch das Berlin des Jahres 1929: Iris Berlina
Ralf Julke, L-IZ vom 07.03.2011

Serbien ist Schwerpunktland zur Leipziger Buchmesse, die vom 17. bis 20. März stattfindet. Und kein Verlag hat so viele Neuerscheinungen serbischer Autoren im Programm wie der Leipziger Literaturverlag. Selbst ein Buch aus dem Jahr 1929 könnte bei Literaturfreunden für Furore sorgen: Milos Crnjanskis "Iris Berlina".

Milos Crnjanski, 1893 geboren, gehört zu den avantgardistischen Dichtern - nicht nur Serbiens, sondern auch jener Vielvölkerstaaten, deren Teil Serbien im 20. Jahrhundert war. Angefangen mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dessen Kulturattaché Crnjanski in den Jahren 1928 / 1929 in Deutschland war. Es sind besondere Jahre. Es sind jene zwei Jahre vor dem 24. Oktober 1929, in denen das Deutschland der Weimarer Republik sich endlich stabilisiert hatte und sich eine Zukunft abzeichnete, die sich grundsätzlich von dem unterschied, was nach dem "Schwarzen Freitag" tatsächlich auf die Tagesordnung kam.

Wer nachlesen will, wie der Zusammenbruch der Weltwirtschaft 1929 / 1930 zustande kam, sollte es jetzt in den einschlägigen Grundlagenwerken tun. Es könnte helfen, in der Gegenwart Schlimmeres zu verhindern. Denn was bei allen Erklärungen zur großen Finanzkrise der Jahre 2008 ff. nicht stimmt, ist die Behauptung, sie hätte nicht dieselben Ursachen wie die von 1929.

Sie hat dieselben. Genauso, wie der weltweite Wirtschaftsaufschwung dieselben Gründe hat wie der vor 1929. Es geht um Milliardenkredite und es geht um ein weitgehend unreguliertes Bankensystem. Und nicht ohne Grund erwähnt Crnjanski immer wieder das amerikanische Geld, das den deutschen Aufschwung der 1920er Jahre erst ermöglichte und - als schönen Nebeneffekt - die Amerikanisierung der deutschen Hauptstadt Berlin mit sich brachte. Ein Berlin, das auf einmal mit Neonglanz, Lichtermeeren, Automobilien und einer New York nachgelebten Schlaflosigkeit auf einmal zum funkelnden Zentrum Europas wurde.

Ein Berlin, in dem Milos Crnjanski nich nur arbeitete und lebte, sondern das er auch wachen Auges erkundete - mit all den modernen Verkehrsmitteln, die in der Hauptstadt für ein rasendes Tempo sorgten, das auch für die Zeitgenossen als Bruch mit der piefigen preußischen Vergangenheit der kaiserlichen Vorkriegsstadt empfunden wurde. Deutschland lebte - für Milos Crnjanski unübersehbar - in zwei verschiedenen Zeitzonen. Während gerade das Zentrum Berlins für das neue Nachkriegsdeutschland und seine rasende Amerikanisierung stand, waren schon am Rande Berlins die Ruinen der untergegangenen Gesellschaft unübersehbar. Und eine Reise in die deutsche Provinz machte endgültig deutlich, wie zäh das alte Vorkriegsdeutschland dort überlebte, wie finster und revanchionistisch ganz speziell der deutsche Süden war.

Dass genau aus diesem nationalistischen Provinz-Deutschland, in dem die Kriegsniederlage auch 1929 noch nicht akzeptiert oder begriffen worden wäre, zum Ausgangspunkt der finsteren Entwicklungen ab 1933 werden würde, sah der neugierige serbische Dichter wohl so deutlich wie wenige andere.

Was besonders verblüfft, ist sein Blick auf das arbeitsame Treiben der Deutschen, ihre verbissene Strenge, die Kriegsniederlage und ihre Folgen durch Fleiß und Arbeit schnellstmöglich zu überwinden. Milos Crnjanski hätte auch das um 20 Jahre versetzte "Wirtschaftswunder" schildern können - so ähneln sich die Bilder, so ähnelt sich die Flucht der Deutschen in eine Verdrängung der jüngsten Vergangenheit durch das Leistungsethos von Arbeit, Betriebsamkeit, wirtschaftlichem Erfolg. Es gibt kein anderes Buch, das so deutlich macht, wie sehr dieses Deutschland von 1929 der Bundesrepublik ab 1949 ähnelt.

Mit dem Unterschied: Es ist unzerstört. Den deutschen Städten ist nicht anzusehen, dass dieses Land aus eigener Schuld einen Krieg angezettelt und verloren hatte. Im Gegenteil: Statt auf ein graues, farbloses Deutschland zu treffen, erlebt der junge Serbe ein Land aus kräftigen Farben, steht tatsächlich vorm noch fast neuen Leipziger Hauptbahnhof und ist vom Lichterspiel fasziniert. Er erlebt ein Land im Aufbruch in die Moderne - und er übersieht trotzdem nicht die gärende Unlust der Provinz, dem Berliner Tempo zu folgen. Er erkundet die Berliner Armenviertel - und sieht, wie alte historische Quartiere niedergebrochen werden, um "amerikanische Kreuzungen" zu schaffen. Er besucht die alten sorbischen Dörfer in der Umgebung von Berlin. Er besucht die Etablissements, in denen die Neureichen und die Herren und Damen der Halbwelt hofieren. Und er lässt sich von Offizieren die kommende Wehrpflicht erklären.

Im Rasen der Großstadt sind alle Menetekel der nahen Zukunft an die Wand gemalt. Doch als Crnjanskis Essay 1929 erscheint, ist die Zukunft dieses Landes noch offen. Milos Crnjanski sollte später noch einmal nach Berlin zurückkehren - für drei Jahre ab 1935 als Korrespondent des Zentralen Pressebüros der jugoslawischen Regierung. Nach der Besetzung Jugoslawiens durch deutsche Truppen ging Milos Crnjanski ins Londoner Exil, wo er bis 1965 blieb - in seiner Heimat totgeschwiegen als "Rechtsabweichler".

Im Leipziger Literaturverlag ist 2008 schon sein Gedichtband "Ithaka" erschienen. Sein Essay über das Deutschland des Jahres 1929 ist eine Entdeckung - auch für Historiker. Denn mit wachen Augen hat er ein Land beschrieben, das seither auch unter einem Berg von Mythen kaum noch erkennbar ist. Ein Land, das dem modernen Deutschland teilweise verblüffend ähnelt. Manchmal nämlich sind es die Historiker, die die falschen Blickwinkel haben und die falschen Schlussfolgerungen ziehen. Manchmal sind es die Dichter, die die Wirklichkeit genauer erfassen. In diesem Fall auch deutlich mit dem Erzählton der europäischen Moderne, auch wenn er - vielleicht aus Rücksicht - keinen einzigen der Berliner Autoren erwähnt, denen er in seiner Zeit als Kulturattaché begegnet sein muss.

Stimmen zu ITHAKA

"Die Gedichte seien Gedichte dem Leser wärmstens empfohlen. Es gibt sie in einem sehr gut edierten
zweisprachigen Band beim Leipziger Literaturverlag." Olga Martynova, Frankfurter Rundschau

"Mit dem vorliegenden Band ist ein Lyriker von europäischem Rang nun auch für das deutschsprachige Publikum greifbar." Neue Zürcher Zeitung

"Ganz in der Hoffnung, das hingeschleuderte Wort hätte die Kraft zur Beschwörung" LIZzy

“Die wahrhaft monumentalen Stoffe stehen nicht im Widerspruch zur Leichtigkeit und smaragdenen Transparenz der Sprache, aus der diese Gedichte gebaut sind.“ Marko Ristic

“Miloš Crnjanski gehört - mit Ivo Andric und Miroslaw Krleža - zum Dreigestirn der jugoslawischen Klassiker der Moderne ...“ Ilma Rakusa

“Mit diesem Band revolutionierte Crnjanski die serbische Lyrik: Er stellte die Metrik zurück, Intonation und Syntax sind ihm wichtig. Die Sätze gehen fließend von Lyrik in Prosa über.” Novica Petkovic

 

Rezensionen

„Wir sind im Blut gewatet“
von Olga Martynova, Frankfurter Rundschau vom 25 | 6 | 2011

Die einen sterben, die anderen tanzen Walzer: Milos Crnjanskis Kriegsaufzeichnungen vom Anfang des 19. Jahrhundert werden sehr unterschiedlich rezipiert.

Milos Crnjanski, den der im Westen bekannteste Vertreter der neuen serbischen Literatur, Danilo Kis, als seinen Lehrer bezeichnete, gehört neben dem Kroaten Miroslav Krleza und dem Serben Ivo Andric, der 1961 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, zu den drei Säulen der südslawischen Moderne. Heute sind wir gezwungen, von der kroatischen und von der serbischen Literatur zu sprechen.

Diese Unbeständigkeit der Definitionen spiegelt komplizierte geschichtliche Ereignisse in dieser mehr als komplizierten Region. Man kann sie durch die Werke balkanischer Schriftsteller vielleicht besser verstehen als durch die Fachbücher (geschweige denn durch die tägliche Berichterstattung). In Serbien sind Werke
Crnjanskis im Schulprogramm. Dem deutschen Leser ist er so gut wie unbekannt, obwohl seine Bücher seit den sechziger Jahren ins Deutsche übersetzt werden.

Das Buch „Ithaka und Kommentare“ entstand 1959, als Crnjanski, der seit 1941 in London im Exil lebte, von einem Belgrader Verlag das Angebot bekommen hatte, eine Neuauflage seiner frühen Gedichte zu machen. Wahrscheinlich wollte er ursprünglich in der Tat nur Kommentare zu den alten Gedichten schreiben. Aber er
schrieb ein autobiografisches Buch, dessen Kapitel nach den Gedichten aus seinem Band „Ithaka“ benannt sind, der 1919 erschien, bald nach dem Ersten Weltkrieg. „Ithaka“ ist seit Homers „Odyssee“ ein Sehnsuchtswort für Kriegsheimkehrer. Doch viele Soldaten des Ersten Weltkrieges haben, im Unterschied zu Odysseus, ihr
Zuhause nicht wiedergefunden. So trägt dieser Titel eine bittere Ironie in sich.

Crnjanski wurde 1893 in der ungarischen Stadt Csongrád in einer serbischen Familie geboren. 1896 zog die Familie nach Temesvár in den Banat. Das ist ein Grenzgebiet, heute Rumänien, in dem neben den Rumänen viele Völker lebten, auch Ungarn, Deutsche, Juden, Ruthenen und Roma. Und auch Serben, zu denen Crnjanski
gehörte. „Kommentare“, das eigentlich kein Kommentar zum Gedichtband, auch keine Sammlung poetischer Miniaturen, sondern eine fließende Erzählung ist, beginnt mit der Kindheit in Temesvár, berichtet ausführlich aus den Kriegsjahren und endet mit dem Ende des Krieges.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Crnjanski ein belesener, in die europäische Kultur und in die russische Literatur verliebter junger Mann aus dem Banat, der in Rijeka eine Verlobte hatte, in Wien einen reichen Onkel und in der Schublade Manuskripte seiner Gedichte und Erzählungen: „Ich war ein typischer Wirrkopf meines Jahrhunderts. Ich war leichtsinnig, wie es nur einem Dichter geziemt“, schreibt er in den „Kommentaren“. Und: „Dass jemand ein Attentat in Sarajevo vorbereitet, davon hatten wir nicht die leiseste Ahnung.“ Dann aber musste er in die Hölle. Der Erste Weltkrieg wurde für ihn und für viele Schriftsteller und Künstler dieser Generation, also Jahrgang im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, zum Urereignis, zum Trauma, das ihr Leben und Schaffen bestimmte. Sie erlebten die Zerstörung der alten Weltordnung, Crnjanski insbesondere den Untergang der Donaumonarchie. „Wien war, schon im Herbst 1915, ein riesiges Freudenhaus“ Der heute oft verklärte Vielvölkerstaat sah vor und in der Stunde seines Zerfalls gar nicht so friedlich aus. Die slawischen Völker fühlten sich vom k.u.k. Staat unterdrückt, deshalb erstarkte die Idee der Vereinigung dieser Völker. Die Serben, Kroaten und Slowenen kamen zu gemeinsamen patriotischen Versammlungen.

Der Ton des alten Crnjanski in „Kommentare“ ist traurig und ruhig, er verfolgt keine patriotischen, keine politischen Ideen, er hat ziemlich viel Sinneswandlungen hinter sich, wie es sich für einen „typischen Wirrkopf“ auch gehört. Nun will er die in seinen Gedichten komprimiert gespeicherte Zeit sprechen lassen. Und das gelingt ihm.

Man kann aus seinem Buch vieles lernen, denn die heutigen Verhältnisse auf dem Balkan erscheinen oft nur deshalb rätselhaft, weil man ihre Ursprünge nicht kennt. Nach dem Schuss in Sarajewo verdächtigt man alle Serben. Auch Crnjanski wird zuerst inhaftiert, aber nach der Entlassung als Infanterist eines österreichischen Regiments an die Front geschickt. Er will möglichst wenig von den Schlachtfeldern berichten, im Bewusstsein, dass seine Leser den nächsten, den Zweiten Weltkrieg hinter sich haben und „Veteranen eines vergangenen Krieges diejenigen des vorvergangenen Krieges in keiner Weise anhören wollen“. Trotzdem bietet sein Buch viele eindrucksvolle Bilder: „Wir sind im Blut gewatet“. Aber der eigentliche Zerfall der alten Weltordnung geschah in Großstädten: „In Galizien habe ich den Krieg gesehen. In Wien: wie ein Reich und seine Hauptstadt zerfallen. Wien war, schon im Herbst 1915, ein riesiges Freudenhaus ... Es gab damals zwei Wien. ... Die einen gingen in den Tod – der beste Teil der Bevölkerung –, die anderen – die sich auf ihre Kosten bereicherten – drehten
sich noch immer im Walzertakt.“

Obwohl „Kommentare“ unabhängig von den Gedichten gelesen werden kann, seien die Gedichte dem Leser wärmstens empfohlen. Es gibt sie in einem sehr gut edierten zweisprachigen Band beim Leipziger Literaturverlag. Wie gesagt, ist Milos Crnjanski ein sehr wichtiger Dichter der Moderne. Deshalb will ich auf noch ein Buch aufmerksam machen: das 1993 bei Suhrkamp erschienene und wieder ins Programm aufgenommene „Tagebuch über Čarnojević“, in dem Crnjanski seine Kriegserfahrungen zum Roman verarbeitet. Es ist spannend zu verfolgen, wie dieselbe Realität im einem Fall im nüchternen Tonfall eines etwas traurigen Chronisten dargestellt wird, und im anderen zu fieberhafter modernistischer Belletristik verarbeitet wird.

Am Ende seines Lebens kehrte der ewig heimatlose Crnjanski doch nach Jugoslawien zurück, wo er 1977 als großer Nationalklassiker starb.

 

 

Ithaka: Lyrik aus Serbien – drei Kriege alt

von Ralf Julke, LIZzy vom 4. 3. 3009

Schreib nie für die Zeit, könnte man Dichtern mit auf den Weg geben. Aber manchmal können sie nicht anders. Und ihre Gedichte werden zu Zeugnissen einer Epoche. Spannend wird's, wenn man solche Epochenzeugnisse übersetzt. Etwa aus dem Serbischen ins Deutsche. Wie es Viktor Kalinke jetzt tat mit Gedichten vom Miloš Crnjanski ... Sein lyrischer Ton erinnert sehr an den jungen, herausfordernden Ton, den junge Dichter auch in anderen Ländern der Zeit anschlugen – er ist pathetisch, elegisch, anklagend, fordernd. So, wie man eben Manifeste schreibt und die ganze Welt herausfordert. So, wie man die Gräuel des letzten Krieges mit blutigen Buchstaben an Hauswände malt – um den nächsten zu verhindern. Das klingt durch in Crnjanskis Versen, trotzig hineingerufen in die gebirgigen Landschaften des Balkan. Sein Ton hat etwas von einer Predigt. Auch das kennt man: die Beschwörung de Zeit. Als wären blinde Mächte zu bändigen, zum Einhalten zu bewegen, wenn man ihnen nur all ihre Verbrechen vorwirft und ihnen entgegen brüllt: Mit mir nicht! – Um gleichzeitig andere Zeiten zu beschwören. Ganz in der Hoffnung, das hingeschleuderte Wort hätte die Kraft zur Beschwörung ... Neben den eingesprochenen Texten enthält die CD auch einen elfminütigen Clip mit schwarz-weißen Filmaufnahmen aus dem ersten Weltkrieg, unterlegt mit leichter Musik und Crnjanski-Gedichten. Leitthema: Ithaka. – Wer sich erinnert: Es ist die Heimatinsel des Odysseus, auf der ihn niemand wiedererkennt, als er nach 20-jähriger Irrfahrt und den Kriegserlebnissen vor Troja heimkehrt – ein Fremder im eigenen Haus. Symbol für den wurzel- und heimatlos gewordenen Krieger, der in fremder Kriegsherren Dienst das Grauen der Schlacht erlebt hat, die Verwüstung der Welt, das Sterben und Töten als alltägliches Werk.Die Filmbilder machen schon nachdenklich. Man wartet beinah darauf, dass die Szenerie wechselt zu den Ruinen des 2. Weltkrieges und den Schlachtfeldern und Toten der jüngsten Balkankriege. Doch am Ende sieht man Crnjanski selbst in fröhlicher Runde mit Sektglas. Ein Prosit in sichtlich friedlicher Zeit. Ein echtes Happyend – das wirkt wie falsche Propaganda, wenn man weiß, dass das nächste große Schlachten noch ausstand.

 

Sirenengesänge der Provokation
Miloš Crnjanskis legendäre «Ithaka»-Gedichte

von Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung vom 20.05.2008

Immer von neuem muss an ihn erinnert werden, an den neben Ivo Andri und Miroslav Krlea dritten grossen modernen Klassiker des alten Jugoslawien: Miloš Crnjanski (1893–1977). Es ist um Crnjanski im deutschsprachigen Raum – trotz mehreren Übersetzungen – seltsam still geblieben. Dabei hat er mit seinem autobiografisch grundierten «Tagebuch über arnojevi» (1921, dt. 1993) einen der schockierendsten und lyrischsten Texte über den Ersten Weltkrieg vorgelegt und mit seinem Romanepos «Wanderungen» (1927–1962, dt. «Bora», 1988) ein Opus magnum über die Geschichte der Serben unter Kaiserin Maria Theresia, dessen Lektüre manche heutigen Konflikte zu erhellen vermag. Indes wird Miloš Crnjanski ignoriert, und man mag sich fragen, warum.

Nicht zu leugnen ist, dass Crnjanskis Biografie viele Brüche und Widersprüche aufweist, was sich auch in seinem Werk widerspiegelt. 1893 als Sohn eines serbischen Beamten im ungarischen Csongrád geboren, absolvierte er das Gymnasium in Temesvár und ging 1913 zum Studium nach Wien. Doch bereits 1914 steht er als Infanterist des 29. k. u. k. Regiments an der galizischen Front – in den Kampf gegen seine eigenen Landsleute verwickelt. Während die meisten seiner Regimentskameraden fallen, gelingt es ihm dank glücklichen Zufällen, dem Inferno zu entkommen – zuerst nach Wien, dann als Telefonist nach Szeged.

Schwer traumatisiert
Crnjanski überlebt den Krieg unverwundet, doch im Innern schwer traumatisiert. Als seine «Ithaka»-Gedichte (1919) und das «Tagebuch über Carnojevic» (1921) erscheinen, lebt er als linker Rebell in Belgrad, zieht aber bald weiter nach Paris, Rom und Florenz. Ab 1928 finden wir Crnjanski als Kulturattaché der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in Berlin, später in Rom und Lissabon. Nicht erst als Frontberichterstatter des Spanischen Bürgerkriegs in Francos Hauptquartier vollzieht Crnjanski die Kehrtwendung vom Pazifisten bzw. Sozialisten zum politischen Reaktionär. 1941 schliesst er sich der jugoslawischen Exilregierung in London an, wo er ab 1945 als Emigrant in äusserster Armut lebt. Obwohl seine Werke im Tito-Staat seit Mitte der fünfziger Jahre erscheinen können, entschliesst sich Crnjanski erst 1965 zur Rückkehr nach Belgrad. Er wird gefeiert, wird für seinen historischen Roman «Wanderungen» mit dem höchsten jugoslawischen Literaturpreis Nin ausgezeichnet, aber ein Gefühl der Zugehörigkeit will sich nicht einstellen. Crnjanski bleibt der Unruhige und Zerrissene, der er seit dem Kriegstrauma war. 1977 nimmt er sich in Belgrad das Leben.

Unter bewegten Umständen schuf Crnjanski ein vielseitiges Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen, Reisebeschreibungen, Essays, historischen Dramen und autobiografischen Aufzeichnungen. Zu Letzteren gehören die lebens- und werkgeschichtlich höchst aufschlussreichen «Kommentare zu <Ithaka>» (1959, dt. 1967), die nicht zuletzt die Entstehung des Frühwerks, insbesondere des Lyrikbandes «Ithaka» beleuchten. «Ithaka» liegt nun seit kurzem auch auf Deutsch vor – ein Anlass, diese ausserordentlichen Gedichte und ihren Autor zu würdigen.

Es spricht – stellvertretend für eine lost generation – das Ich eines traumatisierten Kriegsheimkehrers und modernen Odysseus: aufmüpfig, anarchisch, widersprüchlich, elegisch, provokativ. Und dies in Hymnen und Grotesken, in Trinksprüchen und Scherzen, in Galgen-, Schlaf- und Soldatenliedern. Basso continuo ist der Krieg mit seinen Folgen: Wut, Trauer, Ekel, Sinnlosigkeit. «Nichts haben wir, keinen Gott, keinen Herrn. / Unser Gott ist das Blut», heisst es, oder sarkastisch: «Es geht uns gut.» «Das Schönste ist nicht: die Liebe, / sondern für ein bisschen Sonne zu töten und früh zu sterben.» Miloš Crnjanski gibt einen defaitistischen poète maudit, wenn er ausruft: «Sei gegrüsst, Welt, blass wie ein Wintertag, / ängstlich taub. (. . .) / Für unsere Herzen ist nichts genug. / Für unsere Herzen ist alles Betrug. / Solang noch einer von uns atmet dieser Erde Luft: / verströme kein Garten seinen Duft. (. . .) / Wir sind für den Tod!»

Schönheit und Schrecken
Allerdings gebärdet sich Miloš Crnjanskis Expressionismus weder bellizistisch noch Bennsch, sondern ist von einer tiefen Melancholie überschattet, die das Schreckliche in verführerisch schöne Melodien und Rhythmen bannt. Nicht zufällig heissen viele der «Ithaka»-Gedichte Lieder und klingen mit ihren Refrains und (Binnen-) Reimen, ihren Assonanzen und beweglichen freien Versen wie Wortmusik. Crnjanskis künstlerische Neuerung besteht in lexikalischer Kargheit und syntaktischer Schlichtheit bei einem Maximum an Klang. Hier gilt nicht Nietzsches «Cave musicam!», vielmehr scheint es, als gehe Crnjanski das Wagnis rebellischer, unverblümt direkter Aussagen nur ein, indem er sein ironisches Anti-Kriegs-Pathos melodisch abfedert. So ist der Crnjanski-Ton bitter und süss, schneidend und weich, skandalös oxymoronisch: «. . . Vater unser, / besser als ein Engel ist dein Sohn, / aber niemandem kann er helfen. / Er liebt die Lumpen wie die goldene Krone, / sein Lächeln stiftet mehr Verwirrung / als das Frühjahr und die Mütter. // Vater unser, / aber dein Sohn, er hat nicht mehr die Macht, / wenn er im Stall verbringt die Nacht, / auf etwas Tod zu hoffen» («Gebet»).

Es gibt bei Miloš Crnjanski Karnevalistisches und Halluzinatorisches, Verzweiflung und Sehnsucht («es wird genügen, wenn eines Winters / aus einem schneeverwehten Garten / fröstelnd ein fremdes Kind eilt / und mich umarmt») – und die Trance der Versmusik. Als Leser gehorcht man dem Sog dieser Verführung, die sich ebenso als Sprengstoff wie als Läuterung erweist.

Im Deutschen will der Zauber allerdings so ganz nicht gelingen. Viktor Kalinke, der die Gedichte nach Interlinearversionen von Stevan Tontic und Cornelia Marks übersetzt hat, trifft den Ton zwar mehrheitlich gut, vertut sich aber in vielen Details. Wenn dem Reim zuliebe Verachtung zu Vorurteil, Stein zu Ungeheuer wird, wenn sich galizische Föhren in mediterrane Pinien und Mundwinkel in «Klippen um die Lippen» verwandeln, entstehen Schieflagen, ja mehr noch: Missverständnisse. Oft werden naheliegende Lösungen zugunsten von umständlichen verworfen; Crnjanskis bestechende Direktheit erleidet beim Transfer nicht selten bedauerliche Einbußen. Dass die Aufgabe keine leichte war, ist Tatsache. Und dass sie endlich in Angriff genommen wurde, auf jeden Fall dankenswert. Zu entdecken ist ein Dichter von europäischem Rang.

Miloš Crnjanski: Ithaka. Gedichte. Aus dem Serbischen von Viktor Kalinke

Biografischer Essay zu Milos Crnjanski

Durch den Krieg zur Freiheit des Wortes: Miloš Crnjanski
von Jovana Nastasijevic, Suite101 vom 21.05.2010

Die Befreiung von osmanischer Herrschaft 1878 bedeutete auch zugleich einen Durchbruch neuer Ideen und Gedanken in die Kultur und Literatur des Balkans. Aus dem prominenten Beispiel des serbischen Schriftstellers Milos Crnjanski ist es ersichtlich, wie die gesamten Epochen, vom Humanismus, Klassik, Romantik bis auf die kurzen und prägnanten Strömungen am Anfang des 20. Jahrhunderts, im Leben und Werk eines einzigen Menschen zusammenfallen.

Vaterlandsloser Patriot
Miloš Crnjanski (1893 – 1977) war ein ethnischer Serbe orthodoxer Konfession. Sein Leben wurde durch den Krieg, das verdrängte Gefühl der Vaterlandsliebe, die Derbheit des Soldatenlebens und eine tiefen Neigung zur Natur und ihrer Unzerstörbarkeit gekennzeichnet. Die Tatsache, dass er im 1. Weltkrieg an der österreichisch-ungarischen Seite kämpfte, hat seine Wahrnehmung des „Vaterlands“ in Richtung einer stark proserbischen, aber trotzdem ironisch-fatalistischen Haltung verzerrt. Die Abwesenheit der Definition seiner nationalen und geistigen Angehörigkeit könnte, mit einem gewissen künstlerischen Unterton, selbst als „Wanderung“ beschrieben werden. Gewissermaßen kann sie doch durch die Herkunft seiner Familie erklärt werden.

Die Wanderungen unter Arsenije III Carnojevic (XVII Jh.)
Crnjanskis Vorfahren teilten das Schicksal der ausgewanderten Serben nach dem großen österreichisch-türkischen Krieges 1683. Der Epilog dieses Kriegs, bzw. die Niederlage der Türken bei Wien und eine Kontraoffensive der Österreicher wirkten als Auslöser für einen Aufstand der Balkanchristen 1689. Der österreichische General Piccolomini war schon auf seinem Weg aus dem pestgeplagten Skoplje heraus. Das österreichische Heer, samt serbischen und albanischen Aufständischen, erlitt 1690 eine Niederlage. Die nicht-österreichischen Soldaten verließen schon das Heer aufgrund der schlechten Behandlung, was allmählich zu einem massenhaften Rückzug nach Norden führte. Die Hauptwelle zog unter der Führung von Carnojevic in Richtung Belgrad. Diese Bevölkerung besiedelte die wüsten Gebiete in Ungarn, zwischen Tisza und Donau, in Slawonien und Baranja.

Leben und Werdegang
Crnjanskis Vorfahren wurden in Vojvodina eingeungart. Sein Vater Toma war kleiner Beamter an der einzigartigen kulturellen Schnittstelle zwischen der serbischen, magyarischen und österreichischen Seite. Seine starke proserbische Haltung innerhalb der Habsburgermonarchie wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde seitens der magyarischen Justizbehörden zu einem politisch Verdächtigen erklärt und des Banats verwiesen.

Der kleine Miloš besuchte die serbische Konfessionsschule in Temeschwar. Seine Kindheit wurde durch traditionelle und patriotische Erziehung geprägt. Die ständige innerliche Wanderung fing schon zu dieser Zeit an: Nach der orthodox beseelten serbischen Grundschule, besuchte er das katholische Piaristengymnasium. Dieser „Sprung“ zu einem vollkommen anderen Erziehungsansatz übte auf den jungen Crnjanski einen verwirrenden Einfluss aus.

Er ließ sich von seiner Familie leicht überreden, Medizin in Wien zu studieren, obwohl es weder seinen Wünschen noch seinem Geist entsprach, und blieb daher ohne Abschluss. Zu gleicher Zeit aber (1908-1912) entstanden seine ersten Gedichte, die durch ihre förmliche und inhaltliche Freiheit, neue Stilfiguren und symbolistische Prägnanz der künstlerischen Empfindung eine echte literarische Revolution jener Zeit auslösten.

Serbe in österreichischer Uniform
Zu Beginn des 1. Weltkriegs trat Crnjanski als österreichischer Soldat in Dienst. Diese Zeit wird sein ganzes Leben tief prägen, und seine ironische Stellung dem Soldatenleben und dem Tode selbst gegenüber durchaus bestimmen. Die naturalistisch unverhüllten Bilder der Ermordeten kommen zwischen seinen Zeilen zum Vorschein, samt Erinnerungen, durchflochten mit bitterem Lachen ins Gesicht den Kriegserfindern und einer tiefen, unaufhaltsamen Liebe für die Natur als unzerstörbare Trägerin des Lebens. Als gebürtiger Serbe in österreichischer Uniform vermochte Crnjanski nicht, den Zweck des Krieges zu verstehen. Der einzige Ausweg waren für ihn das Schreiben und Verachten. Seine Sprachform war frei, wies aber trotzdem einen altbürgerlich dekadenten Unterton des verfallenen Soldaten auf, der immer wieder durch die Fronten herum irrt und, trostlos, um die Freiheit des Wortes weiter kämpft.

Zwischen Jugoslawien und „Jenseits“ – zwischen Vaterland und Exil
Nach der Auflösung der Habsburgermonarchie 1918 zieht Crnjanski zunächst nach Zagreb, und später nach Belgrad um. Im neuen, durch eine irreführende Einheit der Völker gekennzeichneten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (Königreich SHS), scheint Crnjanski eine neue Anregung gefunden zu haben, primär im Sinne von einem frischen, jugoslawisch begeisterten Patriotismus. Seit 1921 war er ständig unterwegs, von Paris und der Bretagne über Italien, bis zurück nach Belgrad. Sein diplomatischer Werdegang findet in jugoslawischen Botschaften in Berlin und Rom Anerkennung. Seine Berichte aus Spanien begeistern die Leser und erschüttern die Kritik.

Die kommunistische Umgebung nach dem 2. Weltkrieg im sozialistischen Jugoslawien war auch nicht günstig für Crnjanski, denn er galt immer noch als ein monarchistischer Patriot, der seinen Ansichten treu blieb. Deswegen weilte er weiter unter schweren Lebensumständen im Londoner Exil.

Der Angehörige aller Richtungen, der Bewohner aller Epochen
In der Zeit nach 1920 wurden die Einflüsse mancher europäischen Literaturen, die ihre revolutionären Höhepunkte schon früher über die Bühne gebracht hatten, im serbischen Literaturraum deutlich spürbar. Die Zwischenkriegszeit gilt gewissermaßen als Sturm-und-Drang der modernen serbischen Literatur. Obwohl Crnjanski vorwiegend als Expressionist bezeichnet wird, gehört sein Werk tatsächlich zu keiner Richtung. Das Balkangebiet blieb durch osmanische Herrschaft von fast allen Epochen der früheren Zeiten vollkommen abgesondert. Nach der Befreiung stürmten aber die Ideen, Gedanken und Vorbilder all dieser Epochen fast zugleich ins Balkangebiet herein, und kamen durch die Münder der Künstler und Schriftsteller zum ersten Mal entfesselt zum Vorschein.

Das schöne Wort statt der politischen „Zweckliteratur“
Der Bruchpunkt zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert stellt eine Übergangsperiode vom Naturalismus zum Impressionismus dar, was in der Literatur durch das neue Gespür für das Schöne gekennzeichnet wird. Die Moderne ist auch ein Wendepunkt zwischen der gesellschaftlich engagierten Literatur (von Crnjanski als einstimmige, langweilige „Trommelmusik“ bezeichnet) und einer „schönen“, zweckfreien Literatur.

Die Freiheit des Verses in Crnjanskis Gedichten wird zur Freiheit des Wortes in seinen Romanen (z.B. Tagebuch über Carnojevic, Die Wanderungen, Roman über London), in expressionistisch-brüchigen Stücken, die dem brechtschen epischen Theater der Verfremdung ähneln.

Rezeption
Obwohl von der zeitgenössischen Kritik oft scharf angegriffen, fand Crnjanski – wie fast alle von ihrer eigenen Zeit unverstandenen „Sonderlinge“ – erst weit im Nachhinein, d.h. im späten 20. Jahrhundert, seine Anerkennung.

Quellen:

CRNJANSKI, Miloš. – Dnevnik o Carnojevicu in: Dnevnik o Carnojevicu i druga proza, Beograd, 1983
PETKOVIC, Novica. – Književnost 20. veka, in: Serbian School Internetseite
CRNJANSKI, Miloš. – Objašnjenje „Sumatre“ in: Epohe i stilovi u srpskoj knjiz?evnosti : XIX i XX vek / Hrsg. Malisa Stanojevic´, Beograd [u.a.] : Filolos?ki Fakultet [u.a.], 2002
LEOVAC, Slavko. – Romansijer Miloš Crnjanski,Sarajevo, 1981
MAŠEK, Miro. – Nation und Narration im literarischen Werk Miloš Crnjanskis, Frankfurt am Main [u.a.], 2004

 


 

 

Leseprobe
Zu den Übersetzern:
- Viktor Kalinke, Stevan Tontic
- Elvira Veselinović
- Mirjana & Klaus Wittmann
Zu den Büchern:
- Ithaka, Ithaka-Hörbuch
- Iris Berlina
- Zottelige Pferde

Stevan Tontić über ITHAKA
Crnjanski im Deutschlandradio