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Hubertus Giebe
geb. 1953 in Dohna, Studium der Malerei und Grafik (abgebrochen), externes Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Meisterschüler bei Bernhard Heisig, Leitung des künstlerischen Grundlagenstudiums an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Rede auf der Demonstration der Dresdner Künstlerverbände für Meinungsfreiheit, Demokratie und politischen Wandel am 19. November in Dresden, Kündigung des Lehrverhältnisses, Wiederbeginn der freischaffenden Tätigkeit, zahlreiche Ausstellungen
Veröffentlichung im Leipziger Literaturverlag
Der geschliffene Elfenbeinturm. Essay, LLV 2010
Giebe preist in seinen Essays jene wahrhaftigen Maler, deren Werke ihn angetrieben haben – Pablo Picasso, Oskar Kokoschka, Max Beckmann und Bernhard Heisig. Zum Dank brennt er intellektuelle Feuerwerke für diese Großen ab. Aber er redet nicht, um seine Bilder zu erklären, er zerredet nichts. Analytische Hilfestellungen für eine Entschlüsselung seiner Bilder sind aus den hier vorgelegten Texten nicht zu erwarten. Weit stärker treibt ihn etwas anderes zum öffentlichen Reden und Schreiben. Giebe zeigt sich provoziert vom geistigen Absturz des Kunstmarktes. Er versucht, die Ursachen für diesen absurden Crash aufzudecken. Er versucht, die Marktmechanismen der erfolgreichen Jubelinszenierung des postpostmodernen Kunstkitsches zu begreifen und begreiflich zu machen. Der theoretische Kunst-Megadiskurs, sagt Giebe, schwanke zwischen Trivialisierung und Heiligsprechung, zwischen bizarr verstiegenen Theorien des Absoluten und scheinheiliger Naivität.
Stimmen
"Giebe zeigt sich öffentlich als unglaublich belesener kritischer Denker ... Seine aus Wissen und Leidenschaft geborene Position läßt den Künstler das gegenwärtige Kunstgetriebe - man ahnt es - mehr als kritisch kommentieren." Lisa Werner-Art, DNN
"Giebe gehört zu den wenigen bildenden Künstlern im Land, die sich auch schriftlich und mündlich mit dem Rahmenbedingungen des Kunstschaffens auseinandersetzen." Ralf Julke, L-IZ
"Furiose Bekenntnisse, Abrechnungen, alles mit Verve vorgetragen. Seine Ausdruckskraft, die stets aufs Absolute, Unbedingte zielt, wird von einem immensen Wissensfundus gespeist." Wulf Kirsten
"Ja, man wünscht, wiewohl nach der Lektüre des Buches gut gesättigt, noch mehr Giebe." Dieter Hoffmann, Marginalien
„Das Beste hatte man sich für den Schluß aufgehoben: ‚Der geschliffene Elfenbeinturm’ von Hubertus Giebe gefiel ausnahmslos.“ Falk Bernhardt über die 18. Bücherbörse im mdr-figaro
Rezensionen
Sächsische Zeitung vom 14. 4. 2011
Dresdner Neueste Nachrichten vom 9./10. 4. 2011
Der
geschliffene Elfenbeinturm: Hubertus Giebes gesammelte Kritik am postmodernen
Nichts
Ralf Julke, L-IZ vom 10.01.2011
Hubertus Giebe - der Name kommt einem schon bekannt vor. Aber zum Kosmos der Leipziger Maler gehört er nicht. Oder doch? Er war Meisterschüler bei Bernhard Heisig. Aber der Name ist auch aus einem anderen Zusammenhang vertraut: aus den Arbeiten von Eva und Erwin Strittmatter. Die beiden hatten den jungen talentierten Maler aus Dresden in den 1970er Jahren nach einem recht intensiven Briefwechsel zu sich nach Schulzenhof eingeladen, wo Giebe mehrere Sommer verbrachte - in intensiven Gesprächen mit den Strittmatters (auch über neue Bücher von Erwin Strittmatter) und mit langen künstlerischen Ausflügen in die abgelegene Landschaft. Entsprechend sind auch mehrere Bilderzyklen aus dem Umfeld Schulzenhof entstanden. Mittlerweile gehört Giebe zu den wichtigsten Malern Dresdens, hat auch eine Zeit lang an der Hochschule für Bildende Künste gelehrt - und den Dozentenjob genauso gekündigt wie einstmals das Malerstudium, als ihm die Rahmenbedingungen wieder zu starr wurden. Er gehört zu den Sensiblen im Land, die sich nicht nur mit den eigenen Schaffensbedingungen beschäftigen, sondern auch mit dem gesellschaftlichen Umfeld. Beides gehört zusammen, auch wenn das scheinbar im weltweiten Kunst-Geschäft so keine Rolle mehr spielt. Oder zu spielen scheint. Welche Halbwertzeiten haben eigentlich die millionenteuren "Jubelinszenierungen des postmodernen Kunstkitsches"? Was wird von den hoch gehandelten Sternchen des Kunst-Boulevards übrig bleiben?
Giebe gehört zu den wenigen bildenden Künstlern im Land, die sich auch schriftlich und mündlich mit dem Rahmenbedingungen des Kunstschaffens auseinandersetzen. Und er kritisiert die leeren Posen des modernen Kunst-Machens (auch des westdeutschen) auch nicht erst seit 1990. Er war schon vorher ein enfant terrible und sah im bestellten Kunstkitsch genauso wenig Substanz wie in den Auftragswerken der DDR-Staatskunst. Das hat auch mit den Koordinaten zu tun, innerhalb derer er sich selbst platziert. Dazu gehören Künstler wie Oskar Kokoschka, Max Beckmann und Bernhard Heisig. Wie ein roter Faden läuft das Wort Expressionismus durch seine Essays, Reden und Aufsätzen - seine Widerreden und Kampfansagen. Ein theoretischer Bezugspunkt ist für ihn der Kunsthistoriker Carl Einstein, bei dem er eine Expressionismus-Definition findet, die für ihn stimmiger ist als der übliche kunstwissenschaftliche Versuch, den Expressionismus auf ein paar Jahre einzugrenzen und nur für eine enge Künstlergruppe zu definieren.
Doch für Giebe ist Expressionismus eine malerische Haltung. Und die hört nicht einfach auf, weil die Theorie eine neue Mode oder Post-Mode definiert oder gar ein aufgescheuchtes Feuilleton jedes Jahr nach einer neuen "Avantgarde" jagt und nur noch eines gelten lässt: das "noch-nie-da-Gewesene". Was dann wieder in neue theoretische Riesenkisten führt - eben noch "Moderne" genannt, kurz darauf dann "Post-Moderne". Und irgendwie gab es danach schon gleich die nächsten Post-Post-Modernen. Nur: Es bleibt nichts Greifbares. Die Jagd nach dem Grenzenlosen führt in die grenzenlose Banalität. Verständlich, dass Giebe auch nach 1990 die Kampfeslust nicht verlassen hat und er sich immer wieder gründlich mit dem Wert von Kunst und den Wert-Ermittlungen des Kunstmarktes beschäftigt. Und immer wieder natürlich mit den Künstlern, die ihm wichtig sind. Und den Kunst-Förderern - die stets selten und kostbar sind - zumal. So erfährt man ganz nebenbei auch eine Menge über die Dresdner Kunst-Bohème rund um den Hecht, die Armseligkeit des Kunstschaffens seinerzeit abseits der gewünschten Parteilinie, die Herkunft einiger der wichtigen deutschen Künstler der Gegenwart - wie A. R. Penck.
Und man spürt die Wut des Künstlers auf die verquasten Kunst-Megadiskurse in den Magazinen, Katalogen und Feuilletons, die mit Wortblasen kaschieren, dass sie Triviales und Sinn-Leeres gerade wieder heiligsprechen. Wenn auch nur für die nächste Kunstauktion, die nächste Biennale oder den nächsten Rummel um eine völlig vom Irdischen abgehobene Sause. Das Buch versammelt Giebes Artikel, Reden und Essays aus den letzten 26 Jahren. Es ist kein Blick in die Werkstatt. Aber es ist ein Blick in die Auseinandersetzungen der Zeit, mit denen sich jeder Künstler konfrontiert sieht. Und das Tragische dabei ist, dass die Mega-Diskurse um das post-moderne Nichts auch dazu führen, dass sich die geistigen Inhalte ins Nichts auflösen.
So betrachtet ist Giebes Textsammlung auch eine scharfsinnige Analyse eines
krankhaften Zustandes, an dem Künstler wie Ausstellungsbesucher leiden.
Doch auch 26 Jahre Kritik ändern nichts: Die Maschine läuft weiter.
Dieter Hoffmann, Marginalien, 4-2010
"Über mehrere Essays hinweg entwirft Giebe ein zeitloses Alphabet
an künstlerischen Beweggründen. Er schafft damit einen Zugang zur Malerei,
der sowohl das sensible Rezeptorium des jeweiligen Künstlers als auch seine
künstlerischen Errungenschaften erschließt. Entlang den Achsen eines umfassenden
Wissens und einer leidenschaftlichen Begeisterung schildert Giebe die Kontraste
zwischen der in Szene gesetzten Richtungslosigkeit eines am Kapital orientierten
Kunstmarktes und einer Kunst, die sich reflexiv oder direkt verknüpft mit
der menschlichen Existenz und deren psychischen und kulturhistorischen Faktoren.
Das liest sich wie eine Liebeserklärung an eine Malerei, in der handwerkliche
und gestalterische Reife unumgängliche Bewertungskriterien bleiben, jenseits
der Verführungen eines inflationären Mainstreams ... Ein empfehlenswertes,
intellektuelles Feuerwerk!" Gerard van Smirren,
Soester Anzeiger
